ANALYSE. Durch Kahr wird der Faktor Empathie unterstrichen, die FPÖ kann sich zumindest selbst schlagen, die SPÖ hat ein gewaltiges Problem und die Stadt-Land-Kluft wächst.
Erst der Blick auf alle Grazer Gemeinderatswahlen seit 1945 zeigt, was beim Urnengang am 28. Juni 2026 geschehen ist. In der steirischen Landeshauptstadt, in der zunächst jahrzehntelang die SPÖ und in den 2000er und 2010er Jahren die ÖVP stärkste Partei war, ist mit knapp 36 Prozent die KPÖ zur nunmehr klaren Nummer eins aufgestiegen. Sie hat ihren Stimmenanteil um ein Viertel ausgeweitet. Die ÖVP musste sich mit gut 25 Prozent und damit ihrem zweitschlechtesten, die SPÖ mit keinen sechs Prozent und damit ihrem mit Abstand schlechtesten Ergebnis der Geschichte begnügen. Und die FPÖ? Die zwölf Prozent stehen für einen leichten Zugewinn, im langjährigen Vergleich aber ein mageres Ergebnis.
Da steckt so viel drinnen. Das KPÖ-Ergebnis ist natürlich das Ergebnis von Spitzenkandidatin, Bürgermeisterin Elke Kahr. Von Kritikern wird sie gerne als Sozialarbeiterin abgetan. Weil sie größten Wert darauf legt, dass alle Bürgerinnen und Bürger mit ihren Anliegen zu ihr kommen können. Schlecht? Die Frage erübrigt sich: Wenn nichts dahinterstehen würde, hätte sich das herumgesprochen, wäre sie längst abgewählt worden. Sie hat es ganz offensichtlich geschafft, glaubwürdig zu vermitteln, dass sie sich um die Anliegen kümmert. Dazu passt, dass sie nicht gerne in der ersten Reihe sitzt, sondern „unter den Leuten“. Das mag protokollarisch daneben sein, dass es von Wählerinnen und Wählern geschätzt wird, sagt aber etwas: In Zeiten multipler Krisen kommt es mehr denn je darauf an, dass Politikerinnen und Politiker empathisch wirken; dass ihnen abgenommen wird, Sorgen und Nöte nachvollziehen zu können und entsprechend darauf zu reagieren.
Der Gründer einer Hilfsorganisation hat vor wenigen Tagen im persönlichen Gespräch berichtet, dass bei Leuten, die sich Lebensmittel in Supermärkten aufgrund gestiegener Preise kaum noch leisten könnten, eine unheimliche Wut vorherrsche. Es sei zum Fürchten im Hinblick auf kommende Wahlen, sagte der Mann: Die Leute hätten das Gefühl, Regierenden egal zu sein.
These: Auf Kahr, die einmal mehr auffallend viele bisherige Nichtwähler gewonnen hat, die mit der Politik schon abgeschlossen hatten, trifft das nicht zu. Sehr wohl aber auf Bundeskanzler Christian Stocker und viele andere. Sie wären daher gut beraten, nicht nur sommerliche Touren durch Österreich zu machen, um mit Menschen zu sprechen, sondern sich ganz grundsätzlich zum Beispiel in ihrer Sprache etwa zu ändern. Nicht abstrakt von 2-1-0-Formeln zu reden, sondern in Bildern, die für eine Masse greifbar sind.
Auf eine ganz andere Weise profitiert die FPÖ, profitiert Herbert Kickl von dieser verbreiteten Empathielosigkeit: Er bestätigt die Leute in ihrem Gefühl, dass sie Regierenden egal seien, und verspricht daher, nach oben zu treten und nach unten zu dienen.
Das hat Kickl bisher so wirkungsvoll gemacht, dass man geglaubt hat, Freiheitliche könnten nur noch groß gewinnen. Die Graz-Wahl zeigt jedoch, dass das falsch ist: Sie können sich selbst schlagen. In Graz durch einen Finanzskandal in den eigenen Reihen sowie Rücktritte und Ausschlüsse.
Ein Supergau ist dieser Urnengang für die SPÖ: Sie hat in der steirischen Landeshauptstadt gerade zum achten Mal in Folge verloren, ist über die Jahre von mehr als 40 auf keine sechs Prozent abgestürzt. Für die Partei droht damit wesentliches wegzubrechen: Nach zum Teil ländlichen Industrieregionen auch urbane Räume, die für sie von existenzieller Bedeutung sind. Natürlich hat sie Wien, Linz und Salzburg-Stadt noch, wo sie jeweils den Bürgermeister stellt. Graz ist jedoch eine Warnung: Sie kann hier verschwinden. Umso mehr stellt sich die Frage für sie: Was hat sie Stadtmenschen, die oft Akademiker sind, zu bieten, außer schlechte Nachrichten in Bezug auf Hochschulbudgets etwa?
Das leitet über zu dieser wachsenden Stadt-Land-Kluft, die durch das Grazer Wahlergebnis vom 28. Juni ebenfalls zum Ausdruck kommt: Das ländliche Österreich kippt zur FPÖ. Dort herrschen häufig Abwanderung und damit auch Niedergang vor, dort greift Rechtspopulismus, der ein Zurück zu einer vermeintlich besseren Vergangenheit verspricht. Das städtische Österreich, das wächst, neigt hingegen zu progressiven Kräften, die mit Ausländerfeindlichkeit nichts am Hut haben. Die grün, pink oder auch dunkelrot sein können. Daher können Kommunisten nur in Städten erfolgreich sein – in Salzburg unter Führung von Kay-Michael Dankl und in Graz eben unter jener von Elke Kahr. Beziehungsweise: Auch daher wird der Aufstieg der FPÖ zumindest durch Städte gebremst.
