ANALYSE. Spekulationen über ein Comeback des Altkanzlers wollen nicht verstummen. Obwohl der Mann wohl nicht mehr viel reißen würde bzw. könnte – mit oder ohne ÖVP.
„Mein Wunsch bleibt derselbe“, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Jakob-Moritz Eberl am 1. Juli auf „Bluesky“. Angefügt ist, was er dort schon vor einem halben Jahr festgestellt hat: Vieles im österreichischen Politikjournalismus reduziere sich auf Sebastian Kurz-Comeback-Gerüchte. Dabei würde es um anderes gehen: um Inhalte, Entscheidungen und deren Folgen. Das wünsche er sich für das Jahr 2026: „Weniger Politics, mehr Policy.“
Anlass für die Erinnerung Eberls: In einem „Presse“-Newsletter ist es gerade wieder um einschlägige Spekulationen gegangen. Der Einzige, der die ÖVP theoretisch retten könnte, wäre Kurz, heißt es darin. Sonst sei niemand in Sicht. Die Frage sei allerdings, ob sie noch zusammenpassen: die ÖVP und Kurz. Die Alternative wäre: Kurz tritt mit einer eigenen Plattform an und so weiter und so fort.
Worauf sich die Annahme stützt, dass der mittlerweile auch schon 39-Jährige politisch noch viel reißen könnte, bleibt offen. Schon vor Monaten hat der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik auf Bluesky darauf hingewiesen, dass Kurz‘ Persönlichkeitswerte sehr bescheiden geworden sind, um es vorsichtig zu formulieren.
Das kann man nachvollziehen. Von seinen letzten Anhängern wird offenbar unterschätzt, wie sehr er für eine Inszenierungsblase gestanden ist: Er hat sich als der große Veränderer dargestellt, der für saubere Politik und vieles andere mehr stehe. Allein die „Message Control“ und die ganzen Inseratengeschichten hätten stutzig machen können: Wozu hatte er das nötig?
Gemessen an seinen Ankündigungen und den Erwartungen, die er geschürt hatte, lieferte er bis zu seinem erzwungenen Abgang im Herbst 2021 denn auch wenig bis nichts. Ja, durch die bekannten Chats ist ein anderer Sebastian Kurz sichtbar geworden. Einer, dem es in Wirklichkeit eher nur um sich selbst gegangen ist.
In Zeiten, in denen es entscheidend ist, Leuten zu vermitteln, dass ihre Sorgen und Nöte im Zentrum der Politik stehen, ist das eine Katastrophe, löst dieser Widerspruch zwischen Schein und Sein umso größere Enttäuschung aus. Vielleicht ist es mit ein Grund dafür, dass so viele Menschen in Österreich jetzt erst recht der FPÖ von Herbert Kickl auf den Leim gehen.
Zwischenbilanz: Der ÖVP würde Kurz heute kaum mehr als 20, 25 Prozent bescheren. Die FPÖ würde bei gut 35 Prozent bleiben.
Die Sache mit einer eigenen Liste wiederum kann man vergessen: Großspenden sind mittlerweile verboten. Einzelspender dürfen im Falle einer neuen Partei maximal 37.500 Euro pro Jahr überweisen. In Summe darf eine solche höchstens eineinhalb Millionen Euro einsammeln. Für einen wie Kurz, der größten Wert auf teure Kampagnen legt, wie er insbesondere 2017 gezeigt hat, wäre das nichts. Für den damaligen Nationalratswahlkampf ließ er 13 Millionen Euro aufwenden. Wertgesichert wären das heute 18 Millionen.
Sebastian Kurz steht für Blendwerk, und blenden kann man die Leute nicht ewig. Eher früher als später muss man liefern, um politisch erfolgreich bleiben zu können. Was zum eingangs erwähnten Wunsch von Jakob-Moritz Eberl zurückführt, sich Inhalten zu widmen. Das kann man auch so verstehen: Ob ÖVP mit oder ohne Kurz, ob Kurz mit oder ohne ÖVP, es kommt auf ein Programm an, das glaubwürdig vertreten wird.