ANALYSE. ORF-Wahl: Kandidat Pig ist nicht nur (gegen seinen Willen) ÖVP-Kandidat. Er riskiert in seiner Bewerbung auch, Misstrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu befeuern.
Der Mann hat sich Gedanken durchaus gemacht. Gemeint ist der bisherige APA-Vorstand Clemens Pig bzw. das, was er in seiner Bewerbung für die Funktion des ORF-Generaldirektors auf 129 Seiten geschrieben hat. Titel: „Ein ORF, dem Österreich vertraut – Vom Rundfunk zur Plattform der Gesellschaft“.
Mehrfach widmet sich Pig dem Spannungsverhältnis zwischen Politik und ORF. Der Generaldirektor etwa müsse unter anderem mit Politik sprechen. Er dürfe sich jedoch nicht abhängig machen davon: „Ich werde Gesprächsfähigkeit suchen, aber Entscheidungsfreiheit wahren.“
Es klingt wie ein Versprechen, zu dem er gezwungen wird: Sollte er an diesem Donnerstag in der entscheidenden Stiftungsratssitzung zum Generaldirektor bestellt werden, wird er als ÖVP-Wunschmann abgestempelt sein. Immerhin schreibt sich die Kanzlerpartei ein sogenanntes Vorschlagsrecht in Bezug auf den Posten zu; und immerhin hat ihr Generalsekretär Nico Marchetti schon eine Präferenz für ihn zu Ausdruck gebracht (er würde sich über eine Bewerbung von ihm „freuen“).
Da ist es für Pig doppelt wichtig, zu zeigen, dass er kein ÖVP-Vasall sei, dass er ihr nichts schulde. Immerhin: Die Notwendigkeit könnte vielleicht sogar zu Gutem führen. Als Gegenmaßnahme gegen politische Vereinnahmung kündigt er in seiner Bewerbung jedenfalls „Struktur“ an: „klare redaktionelle Standards, transparente Gremienkommunikation, dokumentierte Entscheidungswege und eine Generaldirektion, die Nähe nicht mit Zugang verwechselt“.
Trotzdem riskiert er Misstrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu befeuern: „Vertrauen braucht ein redaktionelles Selbstverständnis, das nicht aus einem Milieu für ein Milieu sendet, sondern aus der demokratischen Mitte für das ganze Land arbeitet“, schreibt er und lässt einen rätselnd zurück: Was meint er? Dass Linke für Linke berichten würden? Vor allem aber: Was heißt hier demokratische Mitte?
Es ist ein (vor allem) rechtsextremer Delegitimierungsversuch, zu behaupten, dass beim ORF, aber auch anderen „Systemmedien“ (Herbert Kickl), überwiegend Linke tätig seien, die versuchen würden, den Leuten irgendwelche Märchen unterzujubeln. In der Regel handelt es sich um Journalistinnen und Journalisten, die berichten, was ist.
Und zwar mit messbarem Erfolg: Laut „Digital News Report 2025“ ist der ORF das Nachrichtenmedium, das über das größte Vertrauen genießt; nämlich das von gut zwei Dritteln der Bevölkerung. Bei der „Krone“ zum Beispiel handelt es sich nicht einmal um die Hälfte.
Zweitens: „Demokratische Mitte“ ist ein nichtssagender Begriff. Er soll wohl „Weder rechts noch links“ bedeuten, tut in Wirklichkeit aber nicht einmal mehr das, sondern vermittelt viel eher Beliebigkeit; bzw. das Bestreben, sich mit möglichst vielen zu arrangieren, sehen sich doch die meisten Menschen und die meisten Parteien in der Mitte. Ja, auch bei der FPÖ ist das der Fall.
Angemessen wäre daher etwa ein Begriff, der in der Bewerbung von Pig kein einziges Mal vorkommt: Verfassung. Journalismus hat demnach nicht irgendeiner demokratischen Mitte, sondern dem Geist der Verfassung zu entsprechen, der für demokratische und rechtsstaatliche Verhältnisse steht, für europäische Integration, für Aufklärung und Menschenrechte sowie für eine offene, pluralistische Gesellschaft.