ANALYSE. 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen in Österreich stellen religiöse Vorschriften über geltende Gesetze: Was dabei untergeht und wie der FPÖ-Chef antwortet.
Wie wichtige Themen in Österreich behandelt werden: Die Stadt Wien lässt „Einstellungen junger Zugewanderter“ erforschen. Die Befragung dazu findet im Herbst 2024 statt. Das Ergebnis wird ihr im Sommer 2025 vorgelegt. Am Nachmittag des 8. Mai 2026, einem Freitag und damit schon halb im Wochenende, macht sie eine Presseaussendung dazu. Ein „Presse“-Redakteur stolpert darüber, schaut sich die Studie an und berichtet.
Die Studie, die hier abrufbar ist, enthält Alarmierendes. Es gehört ernstgenommen und eigenordet. Es gehört selbstverständlich auch darüber diskutiert, was zu tun ist. Im Zentrum der medialen Berichterstattung steht beispielsweise der Hinweis darauf, dass 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen der Aussage „Für mich stehen die Vorschriften meiner Religion über den Gesetzen in Österreich“ zustimmen. Was untergeht: 16 Prozent tun es „voll und ganz“, 25 Prozent „eher“.
Was im Übrigen kaum erwähnt wird, ist nicht uninteressant: Bei den christlichen Jugendlichen handelt es sich um knapp halb so viele, damit aber auch nicht wenige. Bei ihnen stimmen 21 Prozent der Aussage zu (bzw. sechs Prozent „voll und ganz“ sowie 15 Prozent „eher“).
Das allein schon wäre ein Handlungsauftrag, die 41 Prozent bei den muslimischen Jugendlichen sind es noch viel mehr. Bloß: Was tun? Hier kommt ein mangendes Bewusstsein für das Wesen und den Wert eines aufgeklärten demokratischen Rechtsstaates zum Ausdruck. Das müsste gestärkt werden; und zwar spätestens ab dem ersten elementarpädagogischen Jahr und auch außerhalb von Bildungseinrichtungen.
Passieren tut jedoch eher Gegenteiliges: Wer, wie ein paar Türkise, ständig bloß von „unseren Werten“ redet und dabei, wie die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), nicht über den Hinweis hinauskommt, dass Nikolausfeiern dazugehören würden, leistet keinen Beitrag zur Stärkung, sondern einen zur Schwächung besagten Bewusstseins.
Viel mehr macht das jedoch FPÖ-Chef Herbert Kickl. Allein das Posting, das er am vergangenen Donnerstag auf Facebook veröffentlicht hat: Es zeigt eine Hostie, die mutmaßlich von einem Priester während eines Gottesdienstes in die Höhe gehalten wird. Und es enthält den Text: „Christi Himmelfahrt: Ausdruck unserer christlichen Identität!“ Außerdem schrieb Kickl dazu: „Christi Himmelfahrt ist in unserer Heimat weit mehr als nur ein religiöses Fest. Es ist ein Tag, an dem wir unsere tief verwurzelte Identität und unsere lebendigen Traditionen pflegen und leben.“
Herbert Kickl hält Muslimen, die Religion über Gesetze stellen, keinen aufgeklärten demokratischen Rechtsstaat und auch kein leeres Werte-Gerede entgegen, sondern eher das, was Ex-FPÖ-Mann Ewald Stadler in einer Parteiprogrammdebatte einst als wehrhaftes Christentum bezeichnet hat. Was umso bemerkenswerter ist, als er noch immer gute Chancen hat, eines Tages Kanzler zu werden und das Ganze damit noch viel breiter betreiben zu können.