Gewesslers Gratwanderung

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ANALYSE. Der Grünen-Chefin geht parteipolitisch auf Nummer sicher. In der Sache könnte sie damit verlieren.

Leonore Gewessler nimmt die Geschenke, die ihr Mitbewerber (freiwillig wie unfreiwillig) machen, gerne an. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) meinte, Kinderbetreuung sei keine Arbeit? Sie empört sich und rückt es zurecht. Die SPÖ kann gegen ÖVP und Neos keine Erbschaftssteuer durchsetzen? Sie, die ebenfalls links der Mitte steht, drängt umso mehr darauf. Schwarze, Blaue und Rote von Bregenz bis Wien betreiben „Betoniererpolitik“ und ducken sich jetzt, da es unerträglich heiß ist, weg? Gewessler ist zur Stelle, arbeitet es niederschwellig auf, indem sie zeigt, wie sich ein Würstelstandbetreiber, auf sich allein gestellt, abkühlt (mit einem Spray). Getan hat sie das alles im ORF-Sommergespräch am vergangenen Montagabend.

Es wirkt, als habe sie nur gewinnen können. Ganz so einfach ist das aber nicht. Es war eine Gratwanderung. Bezeichnend: Leidenschaftlich und aus innerer Überzeugung, also ohne Rücksicht auf Verluste, äußerte sie sich insbesondere in Bezug auf die FPÖ, indem sie herausarbeitete, dass sich diese zunehmend überschneidet mit Rechtsextremen und was der Begriff „Remigration“ bedeutet; nämlich das Bemühen, eine ethnisch „homogene“ Gesellschaft herbeizuführen, wie das zuletzt in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts versucht worden ist.

In Migrationsfragen setzte Gewessler den Kurs ihres Vorgängers Werner Kogler fort: Schon er hat alles getan, um klarzustellen, dass die Grünen nicht die sind, die einfach keine Grenzen wollen. Insofern lässt es tief blicken, dass da und dort so getan wird, als sei „Menschlichkeit und Ordnung“, die Gewessler propagiert, neu; als komme dadurch zum Ausdruck, dass die Grünen endlich vernünftig geworden seien: Davon hat Kogler zum Beispiel (hier) schon vor sieben Jahren gesprochen. Warum es trotzdem übersehen wird? Weil man der rechten Erzählung auf den Leim geht, Linke seien ausschließlich Chaoten, ja naive „Gutmenschen“.

Wirklich auffallend war beim Sommergespräch mit Gewessler vor allem, wie sie die Klimakrise behandelt: „Tut was, die Leute leiden“, ruft sie der Regierung mitten in einer anhaltenden Hitzewelle entgegen. Nicht nur für Klimaanalagen zeigt sie abgesehen davon Verständnis, sondern auch dafür, dass sich Private eigene Pools halten.

Womit die Sache kritisch wird: Es steht für ein zwanghaftes Bemühen, dem Eindruck entgegenzuwirken, dass die Grünen eine Verbotspartei seien und den Leuten diverse Annehmlichkeiten wegnehmen möchten; sei der Energie- und der Ressourcenverbrauch noch so groß; drohe da und dort nicht nur das Trinkwasser knapp zu werden, sondern auch das Wasser für die Stromerzeugung. Das ist defensiv, jedenfalls das Gegenteil davon, selbstbewusst festzustellen, was zur Lösung von Problemen notwendig wäre und wofür es eine Mehrheit zu gewinnen gelten würde.

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