Wir sind nicht Wöginger

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VON GERHARD MARSCHALL. Zur Ehrenrettung des Innviertels: Wie der ÖVP-Klubobmann denken und reden die Menschen hier nicht. Jedenfalls nicht alle.

Sebstian Kurz hat auf seiner Bundesländer-Wahlkampftour auch das Innviertel heimgesucht. Als Auftrittsort haben sich die Türkisen das Bierzelt auf dem Volksfest in Ried im Innkreis ausgesucht. Das war bisher Terrain der FPÖ, aber die Zeiten ändern sich.

August Wöginger, ÖVP-Klubobmann im Nationalrat, durfte als Local Heroe den Einpeitscher geben. Er kommt aus dem benachbarten Bezirk Schärding, ist also einer von hier. Und er fühlt sich offenbar wohl im Bierzelt und weiß, wie dort Stimmung zu machen ist.

„Scheißt’s auf die Umfragen“, rief er den Zuhörern zu, aber nicht, weil die angesichts der prognostizierten Wahlausgangs verzweifeln müssten, sondern damit sie nicht träge werden, weil sie denken könnten, es sei ohnehin alles gelaufen.

Und Wöginger mahnte auch Familiendisziplin ein, die er zunehmend gefährdet sieht. Es könne schließlich nicht sein, dass „unsere Kinder nach Wean (Wien, Anm.) fahren und als Grüne zurückkommen“. Das geht für einen wie ihn gar nicht, denn: „Wer in unserem Hause schlaft und isst, hat auch die Volkspartei zu wählen.“

Wahlkampf ist, da geht es halt etwas derber zu, weshalb nicht jedes Wort abzuwägen ist. Wie überhaupt nicht alles, was in diesen Wochen aufgeführt wird, ernst genommen werden muss. Dennoch ist es ratsam, genau hinzuhören, auf das Gesagte wie das Nichtgesagte, und auch darauf zu achten, in welche Niederungen sich jemand versteigt. Man will schließlich keine Deppen in das Parlament entsenden, sofern man Demokratie ernst nimmt.

August Wöginger – der „Gust“, wie er in der Partei heißt – ist in seinem bisherigen politischen Wirken nicht durch überschießende Intellektualität und rhetorischen Feinschliff aufgefallen. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm hingegen nicht, auch nicht an Durchsetzungswillen – einer, der sich eben „nichts sch…“. Ob er schon immer so war oder erst in „Wean“ so geworden ist, müssen jene beurteilen, die ihn länger kennen. Jedenfalls wird er im Kurz-Team gebraucht. Und in der einstmals bürgerlichen Volkspartei geniert sich niemand mehr für Bierzelt-Dumpfheit.

Klubobmann ist nichts für Zartbesaitete. Er muss die Fraktion zusammenhalten, im Plenum zuvorderst ausreiten, wenn es die Regierung zu verteidigen und gegen die Opposition zu wettern gilt. Da erfordert unerschütterlichen Glauben an die eigene Sache, Parteidisziplin bis hin zur  Selbstverleugnung, auch schauspielerisches Talent und jede Menge Zynismus. Klugheit und ein Mindestmaß an zivilisierten Umgangsformen sind einem Klubobmann aber nicht verboten.

Nein, so wie Wöginger sind wir Innviertler nicht. Zumindest die meisten von uns nicht. Jedenfalls nicht alle. Gewiss ist die Sprache hier etwas rauer und direkter, im Wirtshaus sowieso. Der bajuwarisch eingefärbte Dialekt knödelt ein bisschen, was ihn mitunter schwer verständlich macht. Aber im Allgemeinen plärren wir nicht hinaus, was uns gerade in den Sinn oder Unsinn kommt.

Genau genommen ist das Innviertel ganz anders, nämlich eine der am kräftigsten wachsenden Wirtschaftsregionen Österreichs mit einer ganzen Reihe erfolgreicher Unternehmen, alteingesessene und junge. Arbeitslosigkeit ist hier nicht wirklich ein Thema. Vielmehr wird für die nächsten Jahre mit einem zusätzlichen Bedarf von einigen tausenden Facharbeitern gerechnet. Eine Region inmitten Europas, offen in alle Richtungen, wohlhabend und ohne große soziale Brüche, landschaftlich reizvoll – ein guter Ort eigentlich.

Und dennoch ist das Innviertel in politischer Hinsicht verhaltensauffällig. Bei der Nationalratswahl 2017 fuhr die FPÖ in allen drei Bezirken – Braunau, Ried, Schärding – mehr als 30 Prozent ein, mit wachsendem Anspruch auf Platz eins.

Über Gründe und Ursachen lässt sich nur mutmaßen, am personellen Angebot kann es nicht liegen. Vielleicht schlummert in der Innviertler DNA nach wie vor jene national-liberale Gesinnung, die ehemals stark ausgeprägt war, Ausdruck von Aufmüpfigkeit gegen die ferne Obrigkeit in München, dann in Wien. Vielleicht geht vielen der Wandel vom Agrarland zur Industrieregion zu rasch, verbunden mit generellen Ängsten vor der Globalisierung. Vielleicht macht sich ein irrationaler Komplex Luft, ein Gefühl von Minderwertigkeit gegenüber den urbanen Zentren. Oder ein Gefühl von anhaltender politischer Benachteiligung durch Bund und Land, etwa bei der Verkehrsinfrastruktur. Vielleicht ist es Auflehnung gegen eine lange Zeit übermächtige und selbstgefällige ÖVP, vielleicht auch einfach nur politischer Übermut.

Wie auch immer, das Problem ist vielschichtiger, als Wöginger denkt. Er liegt nicht nur im Ton daneben, sondern irrt auch. Vor jenen, die – etwa zum Studium – in die Stadt ziehen, muss er sich nicht fürchten. Denn die bleiben zumeist dort und kehren nicht zurück. Das ist ja das akute Problem, dass ländlichen Regionen die gut ausgebildeten Jungen abhandenkommen, verbunden mit einem anhaltenden Brain-Drain. Jene, die – aus welchen Gründen immer – in der FPÖ ihr politisches Heil sehen, sind hier geblieben. Ihnen müsste die ÖVP ein anderes, besseres Angebot machen, anstatt sich ihnen im Bierzelt anzubiedern.

Zum Autor: Gerhard Marschall (67) lebt im Innviertel, ist langjähriger Innenpolitik-Journalist und Träger des Kurt-Vorhofer-Preises. 2008 bis 2014 war er Pressesprecher der damaligen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ). 

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