Tirol: Wo die ÖVP stärker einbricht

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ANALYSE. Im urbanen Raum tut sich die Partei bundesweit schwer. Beispiel Innsbruck, anlässlich der bevorstehenden Landtagswahl.

Die Krise der Tiroler Volkspartei hat viele Väter und Mütter. Immer wieder hat sie sich das Leben selbst schwer gemacht. Durch Abspaltungen (Liste Dinkhauser, …) etwa. Auch heute gibt es so große Spannungen, dass sie über die Grenzen hinaus wahrnehmbar sind: Wirtschaftsbundchef Christoph Walser hat den Unmut darüber nicht für sich behalten, dass Anton Mattle als Spitzenkandidat und Nachfolger von Günther Platter in die Landtagswahl Ende September zieht. Er hat es nur hingenommen.

Böse Zungen behaupten, die Tiroler Volkspartei traue sich nicht einmal mehr, unter ihrem Namen aufzutreten und kandidiere daher als „MATTLE“. So lautet jedenfalls ihre Kurzbezeichnung. Die Langform ist „Anton Mattle Tiroler Volkspartei“. In Umfragen werden der Partei, die vor vier Jahren 44 Prozent erreichte, seit geraumer Zeit weniger als 30 Prozent ausgewiesen.

Für diesen Absturz gibt es eben nicht nur einen Grund, wie etwa auch den Zustand der Bundespartei nach Sebastian Kurz-Rücktritt und seit Karl-Nehammer-Übernahme. Ein Problem, das der ÖVP vom Boden- bis zum Neusiedlersee schon vor, aber auch unter Kurz zu schaffen gemacht hat, wird auch in Tirol sichtbar: In urbanen Räumen tut sie sich schwer. Sie verzeichnet dort im besten Fall weniger Zugewinne, sonst aber größere Verluste als im ländlichen Raum.

These: Sie schafft es nicht, ein Angebot für eine zunehmend diverse Gesellschaft in den Städten zu entwickeln; für eine Gesellschaft mit unterschiedlichen Lebensmodellen, in denen unter anderem auch Bildung, Freiheit und Selbstbestimmung von noch größerer Bedeutung sind.

Wie auch immer: Bis in den 2000er Jahre hinein konnte die Volkspartei bei Landtagswahlen in Tirol ohne Innsbruck 50 Prozent und mehr Stimmen erreichen. Dann verzeichnete sie Verluste, 2013 reichte es nur noch für 41,3 Prozent, 2018 aber wieder für 47,7 Prozent. In Innsbruck ist sie schon in den 1990er und 2000er Jahren nie über 34,4 Prozent hinausgekommen. Das entsprach aber immerhin gut zwei Drittel des Stimmenanteils im übrigen Land. Seither ist die Kluft größer. 2013 erreichte die Partei in der Stadt 22,4 Prozent, 2018 25,9 Prozent. Prozentuell fand sie damit fast nur halb so viel Zuspruch wie im übrigen Tirol. Ausgehend von den derzeitigen Umfragewerten wird sie nun in Innsbruck zwar zweistellig bleiben, eher aber weniger als 20 Prozent erreichen.

Das deckt sich mit Entwicklungen bei anderen Wahlen: Auf Gemeindeebene tut sich die Volkspartei in Innsbruck traditionell schwer, schon vor Jahren musste sie das Amt des Bürgermeisters bzw. der Bürgermeisterin abgeben, aktuell wird es mit Georg Willi von einem Grünen bekleidet.

Bei der Nationalratswahl 2017 profitierte sie zwar von einem Sebastian Kurz-Effekt, musste Platz eins aber der SPÖ überlassen. Sie wurde damals von Christian Kern geführt, der eher urbanes Publikum und vor allem damals enttäuschte Grünen-Anhänger ansprach. 2019, beim bundesweit großen Kurz-Triumph, legte die ÖVP in Innsbruck nur um 2,1 Punkte auf 28,8 Prozent zu. Diesmal reichte das für Platz eins. Wobei: In ganz Österreich kam sie auf 37,5 Prozent. Die 28,8 Prozent in der Tiroler Landeshauptstadt entsprachen eher Wien-Niveau (24,6 Prozent).

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