Kern hat kein Problem mit Kurz

ANALYSE. Wenn einer sein Kanzleramt gefährdet, dann ist es letzten Endes eher nur er selbst. Siehe Tal Silberstein. Aber auch sonst.

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ANALYSE. Wenn einer sein Kanzleramt gefährdet, dann ist es letzten Endes eher nur er selbst. Siehe Tal Silberstein. Aber auch sonst.

„Wenn man kein Glück hat, dann kommt auch noch Pech dazu“, kann man in diesem Fall wirklich nicht sagen: Schon der bisherige Wahlkampf ist für SPÖ-Chef Christian Kern zwar denkbar schlecht verlaufen. Dass ihm aber auch noch Meldungen über die Festnahme seines wichtigsten Beraters Tal Silberstein zusetzen könnten, damit hat er rechnen müssen: Gerade weil Silberstein seit Jahren dem Verdacht ausgesetzt ist, ominöse Geschäfte betrieben zu haben. Dass ihm diese ausgerechnet jetzt, in einer entscheidenden Wahlkampfphase zum Verhängnis werden könnten, ist so gesehen einiges, aber eines mit Sicherheit nicht: Pech.

Wie bei so vielem in diesem Wahlkampf steht vielmehr eine überraschende Portion Unvermögen von Christian Kern im Vordergrund: Der Mann verfügt über große Kompetenzen, ist ein blendender Redner und wohl auch guter Manager. Er hat aber eben auch seine Schwächen.

Erstens: Nachdem er über mehrere Jahre hinweg einen Konzern wie die ÖBB recht passabel geführt hat, überrascht es, dass er sich schwer tut, ein ordentliches Team um sich zu scharen. Die Sache mit Silberstein spricht Bände. Dass es in seinen Büros Auseinandersetzungen gegeben hat, die in einem Fall bis hin zu Handgreiflichkeiten reichten, detto. Dass die Partei über keinen Kommunikator verfügt, der für alles einsetzbar wäre, ebenfalls (Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler würde diese Aufgabe zukommen, für sein begrenztes Talent spricht aber etwa sein legendäres „Hintergrundgespräch“, in dem er über die Absicht plauderte, Kern von links etwas mehr in die Mitte zu rücken).

Kern selbst lässt immer wieder Zweifel daran aufkommen, ob er denn eine politische Agenda habe.

Zweitens: Kern selbst lässt immer wieder Zweifel daran aufkommen, ob er denn eine politische Agenda habe. Ob er also wirklich einen schlüssigen Plan hat, den er für Österreich umsetzen möchte. Sein „Plan A“ kann nicht darüber hinwegtäuschen; zumal er mit dem jüngsten Slogan „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“ plötzlich einen klassenkämpferischen Kurs eingeschlagen hat, wie er ihn bisher nicht einmal annähernd verfolgt hat. Was einigermaßen riskant ist: Zwar mag das sozialdemokratische Kernwähler ansprechen. Offen ist aber, ob das beim Ex-Manager Kern glaubwürdig ist. Und ob es nicht eher auch für Verwirrung sorgt.

Drittens: Als großer Politstratege ist Kern bisher nicht aufgefallen. Bei den Koalitionsverhandlungen über ein neues Regierungsprogramm im Jänner trieb er zunächst die ÖVP vor sich her. Am Ende stieg sie jedoch zumindest ebenso erfolgreich (oder ebenso erfolglos) aus. Oder: Dass Sebastian Kurz eines Tages die ÖVP übernehmen würde, war schon seit bald einem Jahr absehbar. Als es dann soweit war, wusste Kern jedoch nicht, wie er damit umgehen sollte. Da forderte er Kurz auf, Verantwortung zu übernehmen und Vizekanzler zu werden, um dann, nach dessen Weigerung, das zu tun, ziemlich bloßgestellt dazustehen. Und so weiter und so fort: Die lange Suche nach einer Wahlkampflinie wäre ein eigenes Kapital, das dazu passt.

Kern hat es verabsäumt, eine Oganisation vom Boden- bis zum Neusiedlersee aufzubauen, die in seinem Sinne arbeiten würde. 

Viertens: Kern hat es seit seinem Amtsantritt verabsäumt, eine Parteiorganisation oder zumindest Bewegung vom Boden- bis zum Neusiedlersee aufzubauen, die in seinem Sinne arbeiten würde. Sebastian Kurz zum Beispiel kann darauf setzen, dass „seine“ Landeshauptleute seine Forderungen öffentlich immer wieder bekräftigen und vervielfältigen. Bei ihm selbst ist das nicht der Fall. Hans Niessl (Burgenland) steht ebenso leidenschaftslos hinter ihm, wie in gewisser Weise auch Michael Häupl (Wien): Von einer launigen Rede auf dem Bundesparteirat Anfang August abgesehen, erweckt er nicht den Eindruck, als wäre es ihm wirklich ein Anliegen, dass Kern Kanzler bleibt. Ähnlich ist das bei Peter Kaiser und vor allem den Gewerkschaftern. Und so müsste man sich fast schon wundern, wenn er die Wahl mit dieser SPÖ am 15. Oktober noch gewinnen könnte.

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