Grüne haben das alte ÖVP-Problem

ANALYSE. Wenn Parteianhänger einmal in alle Richtungen davonrennen, hilft nur noch eine Art Neugründung.

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ANALYSE. Wenn Parteianhänger einmal in alle Richtungen davonrennen, hilft nur noch eine Art Neugründung.

Dass eine Partei bei einer Wahl verliert, mag für sie selbst schon einmal grundsätzlich sehr schmerzlich sein. Entscheidend ist jedoch das „Wie“: Blieben viele Anhänger zu Hause? Oder laufen sie zu einer bestimmten Partei über? Das wären noch Probleme, die sich zumindest theoretisch lösen ließen. Unmöglich wird es jedoch, wenn die bisherigen Wähler in alle Richtungen davonlaufen. Wie es der ÖVP bei der Bundespräsidenten-Wahl 2016 passiert ist – und nun den Grünen bei der Nationalratswahl 2017. Was zeigt, dass ihr nur noch eine Art Neugründung helfen kann.

Bei der ersten Runde der Bundespräsidenten-Wahl bot die ÖVP ihren Anhängern Andreas Khol als Kandidat an. Von all jenen, die die Partei bei der Nationalratswahl drei Jahre zuvor unterstützt hatten, konnte das jedoch nur ein Drittel überzeugen – 34 Prozent stimmten für ihn. Ganze 24 Prozent gaben FPÖ-Kandidat Norbert Hofer den Vorzug, 18 Prozent Irmgard Griss und bemerkenswerterweise 15 Prozent Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen.

Warum bemerkenswerterweise? Weil insbesondere Hofer und Van der Bellen so unterschiedliche Kandidaten waren wie Tag und Nacht. Oder wie eben die FPÖ und die Grünen. Was für die Volkspartei denn auch ein deutliches Signal war: Sie hat nicht nur jegliche Integrationskraft verloren, ihre Wähler orientieren sich auch in völlig unterschiedliche Richtungen von ihr weg.

Da kann man im Grunde genommen als Partei nichts mehr machen: Reagiert man mit eher linken Antworten darauf, verliert man möglicherweise noch mehr Anhänger nach rechts. Und so weiter und so fort. Die Antwort der ÖVP lautete folglich De-facto-Selbstauflösung auf Bundesebene und Übergabe an Sebastian Kurz, der eine türkise Bewegung daraus machte (zumindest nach außen hin) – und damit vorerst auch erfolgreich war.

Nicht, dass die Grünen nun einen Sebastian Kurz in ihren Reihen suchen müssten. Den gibt’s nur einmal und ein solcher würde wohl auch nicht zu ihnen passen. Das Beispiel zeigt ihnen aber, dass eine völlige Neuaufstellung nötig haben.

Sie haben bei dieser Nationalratswahl bisherige Anhänger in alle Richtungen verloren, wie die SORA-Analyse zeigt: Vom Urnengang 2013 ist ihnen nur ein Viertel der Anhänger geblieben (25 Prozent). 28 Prozent wechselten zur SPÖ, immerhin 14 zur ÖVP, elf zu Peter Pilz, zehn zu den Neos und vier sogar zu den Freiheitlichen.

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