Er hat Euch belogen. Doch macht’s was?

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ANALYSE. Strache hat seine Glaubwürdigkeit nach allen objektiven Kriterien verspielt. Seinen Anhängern könnte das jedoch egal sein. Das ist ein bisschen wie bei Trump.

Normalerweise müsste Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache jetzt aber wirklich zusammenpacken und in einem ganz anderen Bereich neu anfangen. Vom Ö1-Morgenjournal sind gerade die Superspesen präzisiert worden, die ihm und seinen Mitarbeitern gewährt worden sein sollen. Nicht nur private Einkäufe sollen demnach verrechnet worden sein, sondern auch Wartungsarbeiten an einem Swimmingpool sowie Schulgeld und Nachhilfestunden für ein Kind. Und zwar auf Kosten der Steuerzahler bzw. der vielen großen und kleinen Österreicherinnen und Österreicher, die tagein, tagaus fleißig sind, um es in einer sehr freiheitlichen Sprache zu sagen und um klarzumachen, worum es geht: „Er hat Euch belogen.“

Strache denkt jedoch nicht daran, aufzugeben. Warum? Weil er in der ganzen Geschichte auch zum Ausdruck bringt, dass er Politik bzw. Politik er ist. Das ist ein und dasselbe. Privat gibt es daneben nicht. Selbst für das Haus in Niederösterreich soll er mit der Begründung einen Zuschuss bekommen haben, dass er es ja auch für repräsentative Zwecke nütze. Was einzigartig ist: Das gibt es – soweit bekannt – weder beim Bundespräsidenten noch bei der Kanzlerin oder einem Landeshauptmann. Das ist das eine.

Das andere: Strache setzt möglicherweise nicht ganz unbegründet darauf, trotz allem weiterhin erfolgreich sein zu können in der Politik. Gut, Vizekanzler wird er kaum noch werden. Aber zehn Prozent bei der Wiener Gemeinderatswahl im kommenden Jahr wären schon ein großes Ding. Tatsächlich liebäugelt er mit einer eigenen Liste.

Kann er das schaffen? Sagen wir so: Es ist nicht ausgeschlossen und das Ergebnis wird sehr viel aussagen über den Zustand der österreichischen Politik. Zunächst einmal nützt Strache der inferiore Zustand der Wiener FPÖ. Ohne ihn ist sie allenfalls nur noch die Hälfte. Rein rechnerisch und theoretisch gehört ihm die andere – was 15 Prozent entspricht.

Wichtiger noch aber ist dies: Strache hat seine Glaubwürdigkeit nach allen objektiven Kriterien verspielt. Ist das jedoch für seine Anhänger relevant? Sie schätzen ihn dafür, wie er mit dem Kruzifix in der Hand gegen alles Fremde auftritt, insbesondere Muslime und Asylwerber, die von ihnen vorzugsweise als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden.

Außerdem mögen sie, wie er glaubwürdig als einer der Ihren auftritt – rauchend, Wodka-Red Bull trinkend, als Hundeliebhaber etc. Damit ist er das Gegenprogramm zum sogenannten Establishment, das von Sebastian Kurz und all den anderen gebildet wird, wie es kein Norbert Hofer und auch kein Herbert Kickl zusammenbringt. Dass er selbst in Wahrheit auch zu diesem Establishment gehört und in Saus und Braus lebt? Mein Gott.

Ein bisschen ist das wie bei Donald Trump: Ein unerträglicher Widerspruch von vorne bis hinten, aber eine glaubwürdige Möglichkeit für sehr, sehr viele Wählerinnen und Wähler, denen danach ist, dem System, das ihres Erachtens einfach nur ungerecht ist, eins auszuwischen.

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