Sterblichkeit: 3 Prozent? Oder 0,2 Prozent?

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ANALYSE. Österreich ist stolz darauf, das Coronavirus fürs Erste besiegt zu haben, weiß aber noch immer nicht, wie gefährlich es ist. Für eine zweite Welle wäre das entscheidend.

Im Hinblick auf die Maßnahmen, die man setzt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, macht es einen Unterschied, als wie gefährlich man es einstuft. Umso bemerkenswerter ist, wie wenig Ahnung wir noch immer haben.

Die staatliche Gesundheitsagentur AGES stellt die Frage aller Fragen auf ihrer Website ganz offen und unverhohlen: „Wie gefährlich ist dieses neuartige Coronavirus?“ Die Antwort ist zunächst vorsichtig. „Wie gefährlich der Erreger ist, ist noch nicht genau abzusehen.“ Momentan scheine die Gefährlichkeit deutlich niedriger als bei MERS und SARS zu sein. Konkreter: „Man geht derzeit beim neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) von einer Sterblichkeit von bis zu drei Prozent aus.“

Die Regierung ist wohl auch davon ausgegangen, als sie Mitte März zu den Notmaßnahmen schritt. In Verbindung mit der Tatsache, dass es ansonsten aufgrund eines fehlenden Impfschutzes zu hunderttausenden Krankheitsfällen und einem Kollaps der Gesundheitsversorgung gekommen wäre, hätte man bei einer solchen Sterblichkeit mit zehntausenden Toten rechnen müssen.

Heute weiß man, dass alles ein bisschen anders gekommen ist: Das Regierungsziel, Risikogruppen zu schützen, ist nur bedingt aufgegangen; bei den Ältesten ist die Infektionsrate (wie hier berichtet) mit Abstand am höchsten. Trotzdem liegt die Sterblichkeit (nicht die Zahl der Opfer!) weit unter der ursprünglichen AGES-Angabe.

Der Public-Health-Experte Martin Sprenger geht laut ORF.AT von einer Sterblichkeit von 0,2 bis 0,4 Prozent aus. Das ist gut ein Zehntel von „bis zu drei Prozent“. Und das ist jetzt keine Spielerei für Zahlenfreaks. Es geht vielmehr um eine Entscheidungsgrundlage für kommende Infektionswellen; es ist daher essentiell, das zu klären: Wenn der Krankheitsverlauf milder sein dürfte als ursprünglich befürchtet, ist es dann wirklich notwendig, im Fall des Falles wieder zu einer Art „Shutdown“ zu schreiten? Zumal das zu vielen Pleiten und noch mehr Arbeitslosen führen würde?

Bei der ersten Welle ist die Regierung auf Nummer sicher gegangen. Das war nachvollziehbar. Niemand wusste, was kommt. Jetzt dürfe die Regierung einräumen, dass es zumindest für die Zukunft auch die eine oder andere Alternative zu einem „Shutdown“ geben könnte.

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