SOS ORF

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KOMMENTAR. Ausgerechnet in der großen Krise garantiert Alexander Wrabetz weniger denn je einen unabhängigen Journalismus.

Zu heiklen Fragestellungen mag sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz offenbar nicht äußern. Beispiel: Vor wenigen Tagen verkündete er gemeinsam mit „Channel-Chef“ Alexander Hofer, dass Andreas Gabalier für den öffentlich-rechtlichen Sender einen vorweihnachtlichen Liederabend gestalten dürfe. Doch dem nicht genug: Wofür der 35-Jährige gesellschaftspolitisch stehe, wollte Wrabetz bei der Gelegenheit genauso wenig beantworten wie Hofer, so der „Kurier“, der dankenswerterweise gleich auch einen bekannten Gabalier-Ausspruch zitierte: „Es ist nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl heute noch auf ein Weiberl steht.“

Der ORF liefert da und dort also seichte Unterhaltung und daneben insbesondere in der Nachrichtensendung „ZIB 1“ einen „Hauch von Propaganda“. Das hat die „Süddeutsche Zeitung“ im Frühjahr festgestellt und das wird regelmäßig untermauert: Einmal werden Gerüchte über einen Lockdown ab 2. oder 16. November gestreut, ein anderes Mal Bilder von Militärfahrzeugen in Erinnerung gerufen, die vor einem halben Jahr in Bergamo unterwegs waren, um Särge abzutransportieren, weil es nicht nur zu viele Tote gab, sondern auch Bestatter streikten, wie nicht der „ZIB 1“ zu entnehmen ist, sondern der leider eingestellten Seite „Addendum“. Wie auch immer: Solche Bilder und Geschichten fördern zwei Dinge: Angst und blinden Gehorsam.

Hier geht es um sehr viel, es fügen sich letzten Endes eine extrem strake Regierungspartei namens ÖVP inklusive Message-Control-Abteilung auf der einen und ein ebenso schwacher ORF-Chef auf der anderen Seite zusammen. Zwischendurch könnte man ja den Eindruck gewinnen, ZIB2, Report, Ö1 und andere brillante Angebote würden beweisen, dass Wrabetz journalistische Qualität, wenn schon nicht fördere, dann zumindest zulasse. Es ist aber wohl eher so, dass er sie nicht verhindern kann.

Beim ORF gibt es zum Glück sehr viele Leute, die sich ihrer unverzichtbaren Rolle für die österreichische Demokratie bewusst sind. Das Nachrichtenmagazin „profil“ hat gerade SMS präsentiert, die der noch immer (!) amtierende Vorsitzende des Stiftungsrates, Norbert Steger (FPÖ), kurz vor Veröffentlichung des Ibiza-Videos und dem damit einhergehenden Ende der türkis-blauen Koalition geschrieben haben soll. Inhalt: Wer aus parteipolitischen Gründen was werden soll; bis hinauf zum Chefredakteur; auch eine Vereinbarung mit „dem GD“ gebe es.

Es ist dem ORF-Redakteursrat hoch anzurechnen, dass er das in einer Protestnote als das bezeichnete und verurteilte, was es ist: „Postenschacher“; und dass er ausdrücklich festhielt, dass der ORF nicht den Parteien, sondern den Österreicherinnen und Österreichern gehöre. Es ist andererseits aber umso beschämender für Alexander Wrabetz, dass er hier nicht selbst laut und deutlich geworden ist und derlei betonte: Als GD wäre es seine Pflicht gewesen.

Der grundsätzliche Konstruktionsfehler ist keine Entschuldigung für die Zurückhaltung: Dass Wrabetz im kommenden Jahr nämlich nur mit türkiser Unterstützung als Generaldirektor wiedergewählt wird. Im Gegenteil: Er tut sich mit dem Eindruck, den er in diesem Zusammenhang befördert, selbst nichts Gutes, er bestärkt vielmehr den ganz brutalen Vorwurf, wonach er sich um Gefälligkeiten bemüht, wo und wie er nur kann.

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