Ischgl hoch zwei

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ANALYSE. Österreich spielt die Bedeutung seiner Virenschleuder herunter und tut nichts für eine ernsthafte Aufklärung. Mit dieser Schlitzohrigkeit wird aus der Tourismus-Krise erst recht eine -Katastrophe.

Ganze Europa kennt Ischgl. Kein Wunder: Island (!) hat nach ersten Infektionsfällen vor bald zwei Monaten davor gewarnt, in den Tiroler Wintersportort zu reisen, die Landessanitätsdirektion sah zu diesem Zeitpunkt aber nicht einmal bei einem positiv getesteten Barkeeper die Gefahr, dass sich Gäste angesteckt haben könnten. Ergebnis: Die Saison dauerte noch ein bisschen länger, es gab noch mehr Fälle – und heute weiß man, dass unzählige dem sogenannten Cluster Ischgl zuzuordnen sind. Die staatliche Gesundheitsagentur AGES berichtete Anfang April, dass mehr als die Hälfte aller überprüften österreichischen ebendiesem zuzurechnen sind.

Doch wie reagiert die Alpenrepublik? Gar nicht bzw. schlitzohrig. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) relativiert im deutschen Fernsehen, dass es auch Berichte über andere Hotspots gegeben habe. Und überhaupt: Er bittet darum, dass deutsche Gäste schon im Sommer wieder kommen.

Das ist eine Provokation, die in Berlin denn auch genau so beantwortet wird: „Ischgl darf sich nicht wiederholen“, erwidert Außenminister Heiko Maas und bremst in Bezug auf eine Wiederaufnahme des bilateralen Reiseverkehrs.

Klar: Wenn Deutsche ausbleiben, verschärft das die Tourismus-Krise ungemein. Vom Boden- bis zum Neusiedlersee war in der vergangenen Sommersaison jeder dritte Hotel-Gast ein Deutscher. Die 7,9 Millionen lassen sich nicht ersetzen.

Andererseits: Gerade weil das so ist, ist es bemerkenswert, dass Österreich keine vertrauensbildenden Maßnahmen setzt. Nach dem Weinskandal in den 1980er Jahren wurden Konsequenzen gezogen und dabei vor allem auch strenge Gesetze und Qualitätskriterien eingeführt; das Ergebnis ist ein edler Tropfen, um es salopp zu formulieren.

Doch was passiert nach Ischgl? Im Tiroler Landtag wird eine Expertenkommission eingerichtet, die das offenkundige Versagen von Landespolitik und -Verwaltung untersuchen soll. Das ist ernst gemeint, kann aber nicht ernst genommen werden: Tirol wird noch immer in fast allen Bereichen von einer Partei kontrolliert; was in Wien die SPÖ, ist hier die ÖVP. Soll heißen: Das Land hat die Causa einer Instanz zu übertragen, die über jeden Verdacht erhaben ist. Nur so könnte auch nach außen hin signalisiert werden, dass man wirklich daran interessiert ist, aus den Vorfällen zu lernen und alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen – damit der Gast wieder bedenkenlos kommen kann.

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1 Comment
  1. Andreas 1 Monat ago

    dem ist völlig zuzustimmen, auf jeden fall!
    aber was ich mich auch gestern, beim interview des gf des kitzlochs in der zib2 gefragt habe, ist: was, außer die verteilung des virus, waren die folgen des vermuteten oder realen fehlverhaltens der beteiligten?
    sie haben das virus gestreut, ok, nicht cool, aber passiert. sie haben auch sich selbst gefährdet, gut, selbst schuld. und, weiter?
    welche anzahl an schwer erkrankten lässt sich darauf zurückführen? wie viele sind – weit vor ihrer „zu erwartenden zeit“ – daran gestorben?
    in der berichterstattung wird tirol gegeißelt, aber dass nach all den dutzenden pandemien, die wir immer aus der gleichen region bekommen, niemand deren verantwortung hinterfragt und konsequenzen fordert, wundert mich schon sehr.
    will man sich die neue seidenstraße nicht vermiesen lassen? ist die wirtschaftliche abhängigkeit – stichwort „fast fashion“ – schon so groß?

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