Null Information ist auch eine Offenbarung

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ANALYSE. Wo ist ein „Energie-Dashboard“, das aus Bürgerinnen und Bürgern Beteiligte macht? Wo ist ein erweitertes „Panel Project“, das Stimmungslagen erforscht und auch dranbleibt? Was fehlt, vieles schlimmer macht, aber sehr viel zum Ausdruck bringt.

Ob das Wissenschaftsministerium einen Beitrag dazu leistet, dass die Uni Wien das „Corona Panel Project“ fortsetzen kann, ist offen. „Wir prüfen gerade, ob wir unterstützen können, und inwieweit es Bedarf gibt. Es gibt ja eine Vielzahl an Einrichtungen, die in diesem Bereich tätig sind“, hat Ressortchef Marin Polaschek (ÖVP) in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ erklärt und damit auch schon allerhand mitgeteilt.

Das „Corona Panel Project“ ist so ziemlich einzigartig. Bald nach Beginn der Pandemie haben Forscherinnen und Forscher darauf reagiert, dass Einschneidendes passiert für die gesamte Gesellschaft. Sie haben daher angefangen, durch regelmäßige Befragungen Stimmungslagen, Einstellungen, Verhaltensweisen sowie Informationsstände in der Bevölkerung zu erkunden und die Ergebnisse nicht für sich zu behalten, sondern zu veröffentlichen. Wer daran interessiert war, konnte sehr Wertvolles herauslesen; gerade in (Lockdown-)Zeiten, in denen das über persönliche Kontakte nur eingeschränkt möglich war.

Die Zukunft des Projekts ist offen; es geht um die Finanzierung. Dabei würde es jetzt noch viel wichtiger werden. Genauer: Dieses Projekt gehört ausgebaut oder es gehört ein eigenes zum Ukraine-Krieg und allem, was damit einhergeht, aufgesetzt.

Dass die Regierung nicht auf die Idee kommt, lässt tief blicken: Sie gibt von oben herab vor, zu wissen, was notwendig ist. Es fällt ihr allenfalls ein, unzureichende Vermittlungsversuche zu starten. Zumindest für den ÖVP-Teil gestand dies Generalsekretärin Laura Sachslehner insofern, als sie zu einer Sommerkampagne erklärte, es gehe darum, „den Menschen auf Augenhöhe unsere Projekte näherzubringen“.

Das ist Politik, die in Zeiten wie diesen zum Scheitern verurteilt ist: Wer nur einseitig kommunizieren, aber nicht aufnehmen will, wie es den Menschen geht, welche Probleme und Sorgen sie haben und wie sich diese verändern, kann sie nicht gewinnen; er wird sie verlieren. Schlimmer: Er wird kaum treffsicher in der Sache agieren können. Das rächt sich. Vielleicht hätte man sich zum Beispiel die Sache mit der Impfpflicht erspart, wenn man all die Erkenntnisse der Uni Wien zu Impffragen einfach nur wahrgenommen hätte; die unterschiedlichen Motivlagen, die Teile der Bevölkerung davon abhalten, sich impfen zu lassen und so weiter und so fort.

Freilich: Es passt nicht zu einer Regierung, die weiter – anders, aber doch – mit „Message Control“ arbeitet. In der ein Kanzler eine Neutralitätsdebatte eröffnet, um sie umgehend für beendet zu erklären. Das bedeutet auch, Unangenehmes nicht zulassen zu wollen.

Es wäre sehr wahrscheinlich extrem unangenehm, nach einer regelmäßigen Befragung immer wieder vor Augen geführt zu bekommen, wie es der Bevölkerung bei steigenden Preisen geht und sie die Performance der Regierung bewertet. Natürlich: Dazu gibt es laufend irgendwelche Umfragen. Aber ein so wissenschaftliches Projekt wie das der Uni Wien zur Coronakrise nicht. Hier geht es darum, dranzubleiben, qualitativ hochwertige Daten zu liefern und Ergebnisse tiefschürfend zu analysieren. Das macht den Unterschied.

Zwischen Regierenden und (einem großen Teil) der Bevölkerung fehlt eine Verbindung. Es ist eher ein Nebeneinander und durchaus auch von Desinteresse geprägt. Davon zeugt, dass man, obwohl man seit der Pandemie weiß, wie es funktionieren könnte und wie wichtig es wäre, zum Beispiel noch kein „Energie-Dashboard“ aufgesetzt hat. Also eine frei zugängliche Website, der nicht nur Gasspeicherfüllstände und die Information zu entnehmen ist, wie lange sie reichen würden. Sondern etwa auch, wie sich beim Strom Angebot und Verbrauch gerade zusammensetzen und entwickeln; insgesamt sowie unter anderem nach Haushalten.

Das wäre ein Angebot, das aus verunsicherten Bürgerinnen und Bürgern Beteiligte machen würde. Das Problembewusstsein würde geschärft werden, und auch das, was dramatischerweise ohnehin schon nur noch müde belächelt wird, könnte gefördert werden: Eigenverantwortung. Aber das müsste man halt wollen.

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1 Comment
  1. michael m-e 5 Monaten ago

    Qualitätssicherung: Konzept aus einer anderen Welt
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    Transparenz, gut aufbereitete Information, Gelegenheiten am Diskurs zu partizipieren, (Lösungs)Vorschläge einzubringen etc – dafür gibt es im politischen Geschehen hierzulande so gut wie keinen Raum. Viel zu lange hat man sich darauf verlassen, dass man damit (gut) durchkommt, wenn man nur genug Geld in die Vorführung Potemkinscher Dörfer steckt.
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    Manche, die nicht unbedingt zu den hellsten Köpfen in der politischen Szene gehören, erzählen nun etwas von „Augenhöhe“, auf die man sich demnächst (herab) begeben werde, um den Menschen Regierungsprojekte näher zu bringen. Es sieht aber leider nicht danach aus, als wäre da etwas brauchbares in Vorbereitung – mit Symbolpolitik wird man nicht (mehr) weit kommen. Einfach einmal ehrlich zu sein, wäre ja schon ein gelungener Anfang.

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