Was Kurz nicht fürchten muss: „Dirty Campaigning“

ANALYSE. Anschüttungen könnten dem ÖVP-Hoffnungsträger sogar nützen. Sorgen bereiten muss ihm etwas ganz anderes. 

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ANALYSE. Anschüttungen könnten dem ÖVP-Hoffnungsträger sogar nützen. Sorgen bereiten muss ihm etwas ganz anderes.

Sebastian Kurz hat sich schon einiges geleistet. 2010 kurvte er mit einem „Geil-o-Mobil“, einem Hummer, durch den Wiener Gemeinderatswahlkampf: „Das YouTube-Video  vom „Schwarz macht geil“-Kampagnenauftakt im Wiener „Moulin Rouge“, bei dem hübsche Mädels „Geil-Macher-Gummis“, also schwarze Kondome, verteilten, sorgte nicht nur bei den anderen Parteien für Kopfschütteln“, berichtete die Kronenzeitung damals. Geschadet hat es ihm nicht.

Und viel Peinlicheres kann nach menschlichem Ermessen wohl auch kaum noch zutage treten. Also kann der ÖVP-Hoffnungsträger Berichte der „Presse“, wonach im Kanzlerbüro „Dirty Campaigning“ gegen ihn entwickelt und in seiner Jugend gewühlt werde, gelassen nehmen.

Abgesehen davon wäre der Berater von Regierungs- und SPÖ-Chef Christian Kern, Tal Silberstein, ein schlechter Berater, würde er glauben, damit ausgerechnet diesen Mitbewerber im Hinblick auf die kommende Nationalratswahl schwächen zu können. Das würde eher nach hinten losgehen. Offiziell wird der Bericht denn auch zurückgewiesen.

Als erfolgreicher Politiker gilt nicht erst, wer Erfolge vorweisen kann, sondern bereits, wer sagt, was sich eine Mehrheit denkt. 

Die Sache ist schließlich die: Kurz genießt in Österreich einen Status wie einst Karl-Heinz Grasser. Er punktet zunächst damit, dass er sich aus dem tagespolitischen Kleinklein heraushält. Das bewahrt ihn vor Abnützungserscheinungen und macht ihn zugleich als wählbare Alternative umso interessanter. Abgesehen davon versteht er es, vermeintlich Naheliegendes zum Ausdruck zu bringen, wie kein anderer – dass eine Flüchtlingswelle wie 2015 nicht noch einmal verkraftbar wäre; dass man sich gegenüber der Türkei nicht erpressbar machen dürfe; dass Europa seine Außengrenzen schützen müsse; oder dass sich Fremde zu integrieren hätten. Das reicht hierzulande: Als erfolgreicher Politiker gilt nicht erst, wer Erfolge vorweisen kann, sondern bereits, wer sagt, was sich eine Mehrheit denkt.

„Dirty Campaigning“ könnte sogar zu einem Solidarisierungseffekt mit ihm führen, wäre das Kalkül doch zu durchschaubar. 

Vor diesem Hintergrund erreicht Sebastian Kurz Sympathiewerte, von denen auch Kern nur träumen kann. Und das macht „Dirty Campaigning“ de facto wirkungslos; im Gegenteil, aufgrund der starken Identifikation mit ihm könnte es sogar zu einem Solidarisierungseffekt mit ihm führen, wäre das Kalkül doch zu durchschaubar.

Wenn der Kanzler mit Hilfe von Tal Silberstein eine Auseinandersetzung mit Kurz vorbereiten will, dann setzt er folglich auf etwas ganz anderes; neue Themen nämlich. Wirtschafts- und Sozialpolitik beispielsweise. Seine diesbezüglichen Kompetenzen vernachlässigt der 30-Jährige in seiner Fixierung auf Außen- und Fremdenpolitik. Und das macht ihn viel eher angreifbar als es Geschichten aus seiner Jugend tun können.

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