ANALYSE. Die Kanzleraussage zur Kinderbetreuung steht für eine Volkspartei, die den Anschluss verloren hat an die Welt, in der sehr viele Menschen leben.
Es muss nicht nur darauf hingewiesen werden, dass sich Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hinterher entschuldigt hat für seine Aussage und betonte, dass sie „falsch“ gewesen sei. Es darf auch nicht unterschlagen werden, dass derlei alles andere als selbstverständlich ist: Stocker hat eingestanden, einen Fehler gemacht zu haben. Schwer vorstellbar, dass Sebastian Kurz (ÖVP) etwa das auch getan hätte. Den einzigen „Fehler“, den er eingestanden hat, ist, im Zusammenhang mit der Ibiza-Affäre die Regierungszusammenarbeit mit der FPÖ aufgekündigt zu haben. Sonst will er keinen gemacht haben.
Gesagt hatte Stocker bei einer Veranstaltung in Salzburg, bei der er im Rahmen seiner Österreich-Tour versuchte, Bürgernähe zu pflegen, dass Kinderbetreuung für ihn keine unbezahlte Arbeit sei. Ausgerutscht ist ihm das nicht. Die Fragestellerin ließ er wissen, dass sie da nicht einer Meinung sein müssten, um zu bekräftigen: „Aus meiner Sicht ist eine Familie nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen.“ Wenn man Familien als Rechenbeispiel begreife, dann sei das ein anderes Familienbild als das, das er habe: „Familie ist Verantwortung füreinander, Familie ist, Ja zueinander zu sagen, und Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen.“
Der Haken: Für eine Masse steht das Familienbild, das Stocker hier skizziert, vor allem auch dafür, dass sich Frauen wie selbstverständlich um den Nachwuchs kümmern. Dass sie dafür den Beruf hintanstellen und Einkommensnachteile bis an ihr Lebensende hinnehmen. Beziehungsweise eine größere Abhängigkeit vom Mann.
Problem: Es ist kein Zufall, dass Stocker das bisher nicht gesehen hat und es vielleicht erst jetzt sickert bei ihm. Es steht dafür, dass die Volkspartei den Anschluss verloren hat an die Welt, in der sehr viele Menschen leben. Dass ihr Ideal in Wirklichkeit noch immer die Hausfrau und Mutter auf der einen Seite ist, sowie der Mann auf der anderen Seite, der fürs Geld sorgt. Dass sie zwar mehr und mehr von Wahlfreiheit reden mag, es aber nicht ernst meint und auch nicht konsequent umsetzt, was dafür notwendig ist (insbesondere flächendeckend ausreichende Kinderbetreuungsangebote).
Eine Volkspartei, die sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht hätte, sich zu erneuern, anstatt bloß durch Leute wie Kurz zu blenden oder Freiheitlichen nachzuhüpfen, wäre das womöglich erspart geblieben. So aber rächt es sich.
Im besten Fall ist es ihr eine letzte Lehre, sich umfassend darum zu bemühen, auf die Höhe der Zeit zu kommen. Ja, umfassend: Gerne redet sie beispielsweise von Eigentum, ohne zu merken, dass das für zu viele zu einem Hohn geworden ist; für all jene nämlich, die aufgrund explodierter Immobilienpreise durch noch so große Leistung allein nie und nimmer zu einem eigenen Haus oder einer eigenen Wohnung kommen können; dass sie diese Leute in Wahrheit gegen sich aufbringt mit ihrem Gerede.
Oder ihr Festhalten an einem Bildungssystem, das früh trennt, anstatt möglichst vielen jungen Leuten eine Chance zu geben und mehr von ihnen weiter zu bringen: Es ist nicht zuletzt ein zunehmend wirtschaftsfeindlicher Ansatz, gehen dadurch Unternehmen doch Fachkräfte verloren, die sie aufgrund der Alterung so dringend brauchen würden.
Wie im Übrigen auch dieses Familienbild alles andere als wirtschaftsfreundlich ist: Dass sehr viele Frauen nicht Vollzeit arbeiten, hat unter anderem mit unzureichenden Kinderbetreuungsangeboten zu tun; und mit einer konservativen Politik, der es wichtig ist, Eltern zu belohnen, die ihren Nachwuchs (ganz) zu Hause betreuen.