Vorsicht, Sonntagsfrage

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BERICHT. Auch nach der ÖVP-Affäre muss man lange suchen, um eine Erhebung zu finden, bei der alle wesentlichen Qualitätsstandards beachtet werden.

Bei einer österreichweiten Erhebung zur sogenannten Sonntagsfrage online 500 16- bis 69-Jährige zu befragen, ist nicht seriös. Diese Qualifizierung orientiert sich an den Mindeststandards, die der „Verband der Markt- und Meinungsforschungsinstitute“ (VdMI) definiert hat. Reine Online-Umfragen seien für diesen Zweck schlicht „nicht geeignet“, heißt es da. Und: Befragt werden müssten mindestens 800 Personen, die ein repräsentatives Abbild der gesamten Wählerschaft ergeben. 16- bis 69-Jährige sind nur ein Teil davon, unberücksichtigt bleiben 1,2 Millionen Ältere.

Die eingangs erwähnten und eben unzulänglichen Standards gibt das Institut „Research Affairs“ auf seiner Website für Erhebungen im Auftrag der Tageszeitung „Österreich“ an. Bei der letzten, Ende September, werden hier 35 Prozent für die ÖVP ausgewiesen. Mit Partei und Zeitung ist das Institut in das gestürzt, was gemeinhin als ÖVP-Affäre bezeichnet wird.

Man könnte glauben, dass diese Affäre Anlass für Medien und Meinungsforschungsinstitute ist, ihre Glaubwürdigkeit stärker zu pflegen – auch wenn sie ausdrücklich keine Praxen pflegen, wie sie nun in Ausführungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft dokumentiert sind; dass sie also schlicht so weit gehen würden, mutwillig verfälsche Werte zu veröffentlichen, um so gezielt Stimmung zu machen.

Das Ergebnis einer aktuellen Nachschau ist ernüchternd: Vier Sonntagsfragen, die in den vergangenen Tagen erschienen sind, zeigen, dass die Beachtung der VdMI-Qualitätsstandards weiterhin nicht die Regel ist. Den Anfang machte die „Krone“. Wobei die Erklärung dafür, dass sie als erste einen ÖVP-Absturz (auf 25 Prozent zur SPÖ) vermelden konnten, schlicht ist: Das durchführende „Institut für Demoskopie und Datenanalyse“ (IFDD) führte die Umfrage von 7. bis 11. Oktober durch. Zur Erinnerung: Da sickerte die ganze Affäre erst, Sebastian Kurz gab erst am 9. Oktober seinen Rücktritt als Kanzler bekannt. Wie auch immer: Befragt wurden zwar 1526 Personen, aber halt ausschließlich online.

Der Standard“ folgte mit 27 Prozent für die ÖVP und 25 Prozent für die SPÖ. Die Erhebung des „market“-Instituts erfolgte von Montagnachmittag bis Dienstagabend nach dem Kanzlerwechsel, befragt wurden 800 Menschen, aber ebenfalls ausschließlich online.

Für den „Kurier“ ist OGM von 12. bis 15. Oktober ins Feld gegangen, wie man früher gesagt hat. Die Ergebnisse waren der Sonntagsausgabe vom 17. Oktober zu entnehmen (ÖVP 26, SPÖ 24 Prozent). Mit Angaben zur Umfrage hielt sich die Zeitung zurück: „1170 Befragte“, Erhebungszeitraum und Schwankungsbreite. Was fehlt ist dieser Satz, der laut VdMI-Standards ebenfalls erforderlich wäre: „Befragungs-Methode (telefonisch, persönlich, mixed mode).“



Das Nachrichtenmagazin „profil“ ließ das „Unique Research“-Institut die Sonntagsfrage stellen bzw. eine Hochschätzung dazu durchführen. Hier sind die erwähnten Mindeststandards eingehalten worden.
Und zwar von beiden Seiten. Im Magazin heißt es: „Auftraggeber: profil, Methode: Kombination telefonische und Online-Befragung, Zielgruppe: Österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren, Stichprobengröße: 800 Befragte, Maximale Schwankungsbreite der Ergebnisse: +/- 3,5 %, Feldarbeit: 12 bis 15. Oktober 2021.“

Soll heißen: Darauf kann man sich am ehesten verlassen. ÖVP und SPÖ liegen demnach gleichauf bei 25 Prozent, gefolgte von FPÖ (19), Grünen (14) und Neos (elf Prozent). Siehe Grafik: Das entspricht beinahe dem Ergebnis der Nationalratswahl 2013, als die ÖVP noch nicht von Kurz, sondern von Michael Spindelegger geführt wurde. Einzige Unterschiede: Die Volkspartei war damals hinter der SPÖ, Neos deutlich schwächer. Heute handelt es sich freilich um eine Momentaufnahme ohne Auswirkung auf die Mehrheitsverhältnisse im Parlament.

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