Schallenberg darf nicht glänzen

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ANALYSE. Schon nach wenigen Tagen wird’s gefährlich für den Bundeskanzler: Er wird gelobt.

Wann die Krise des Sebastian Kurz begonnen hat, ist schwer zu sagen. Man könnte zum Beispiel bei einer Umfrage ansetzen, die die Tageszeitung „Heute“ Anfang Juli des vergangenen Jahres veröffentlicht hat. Und zwar mit dem Hinweis, dass er, Kurz, bei den Beliebtheitswerten der Bundespolitikerinnen und -politiker erstmals nach 2484 Tagen nicht mehr die Nummer eins sei. Auf diese Stelle hatte es der damalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) geschafft. Vorübergehend, aber doch.

Umgehend wurden seinerzeit Stimmen laut, die Anschober warnten: Kurz ertrage es nicht, wenn jemand strahlt neben ihm; wenn er sogar überstrahlt wird, werde es überhaupt gefährlich. Anschober hat unlängst in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet, dass er auch persönlich gewarnt worden sei: „Mich hat bei diesem Höhenflug meiner persönlichen Werte in den Umfragen eine Person aus der Politik – von einer zentralen Schlüsselstelle – angerufen und gesagt: Pass auf, das wird dir nicht guttun. Das mögen die nicht.“ Mit „die“ ist wohl eine türkise Riege mit Kurz gemeint.

Hier geht es um etwas sehr Persönliches: Sebastian Kurz will allein auf dem Thron sitzen. „Message Control“ soll Widerspruch gar nicht erst aufkommen lassen. Debatte, geschweige denn Kritik, unerwünscht. Das zieht sich so weit, dass Minister im wahrsten Sinne des Wortes eine (ihm) dienende Funktion haben. Bei türkisen lässt sich das durch entsprechende Auswahl und Aufpasser im Kabinett bewerkstelligen, bei grünen weniger. Da müssen andere Mittel her. Bei Anschober war es Mobbing.

Vor diesem Hintergrund kann man sich gar nicht vorstellen, wie das in der gegenwärtigen Konstellation funktionieren soll: Dass Alexander Schallenberg Regierungs-, aber Kurz sein Parteichef ebenso ist wie sein Klubobmann. Jetzt müsste sich Kurz auf eine dienende Rolle zurückziehen; kraft seiner Funktionen müsste er alles tun, damit der Bundeskanzler einen guten Job für Österreich machen kann.

Was dagegen spricht, dass er das machen wird: Er selbst meint, nicht zurück-, sondern lediglich zur Seite getreten zu sein. Irgendwann also wieder zurückkehren zu können. Schallenberg wäre demnach nur sein Austauschspieler. ÖVP-Landeshauptleute, die das klären könnten, bilden erstens keine Einheit und sind zweitens unentschlossen, sofern sie nicht – wie der Salzburger Wilfried Haslauer – überhaupt weiter auf Kurz setzen.

Das ist ein gefährlicher Zustand für Schallenberg: Er darf nicht glänzen. Ein Austauschspieler, der bei mehreren Toren mitwirkt oder Gegentreffer verhindert, wird zum Stammspieler. Nicht, dass der Neokanzler über derartige Ambitionen verfügen würde; immerhin hat er zu seiner eigenen Sicherheit und zur Beruhigung von Kurz selbst betont, sehr eng mit diesem zusammenzuarbeiten. Gefährlich für ihn ist eher der Zuspruch von außen, den er erfährt. Es liegt ihm beispielsweise fern, zu behaupten, dass Österreich in der Coronakrise und in vielen anderen Bereichen zu den Besten der Besten gehöre; das gilt schon als etwas Löbliches.

Fast so schmerzlich wie die eingangs erwähnte Umfrage muss für Kurz vor allem aber die Berichterstattung der auflagenstarken und daher für ihn wichtigen „Kronen Zeitung“ sein: „Es wird regiert“, jubelt Chefredakteur Klaus Herrmann über das, was unter Nachfolger Schallenberg schon alles geschehen sei. Wobei Herrmann gerne auch Umsetzungs- und Pflichtprogramme dazu zählt, wie Steuerreformfragen und die Sterbehilfe-Regelung, die aufgrund eines VfGH-Urteils notwendig geworden ist. Doch das ist nebensächlich. Es geht um Herrmanns Botschaft: Hier ist ein Kanzler, mit dem man zufrieden sein kann. Er darf gerne bleiben.

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