Voll uncool

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ANALYSE. Der Corona-Cluster im Parlament verhagelt die Exit-Strategie von Sebastian Kurz endgültig: Das Virus kommt zurück und der „Impfturbo“ stirbt ab.

Auf ein furchtbares Jahr werde im Sommer eine „coole Zeit“ folgen. Darauf freue er sich, ließ Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) seine Fans im Frühling wissen. Bis zur gewohnten Normalität seien es nur noch 100 Tage. In weiterer Folge lief zunächst alles nach Plan. „Es freut mich, dass wir mit der Impfung so gut vorankommen“, bemerkte der Kanzler zwischendurch. Oder: „Es freut mich sehr, dass wir in Österreich schon viele Öffnungsschritte umsetzen konnten.“

Bald sollen die Masken fallen, seit einigen Tagen läuft die Nachtgastronomie wie früher. Zweifel, Grund zur Sorge oder zumindest achtsam zu sein? Woher, Spaßbremsen haben ausgedient: Als Wien aufgrund der sich ausbreitenden Delta-Variante Anfang Juli ein schärferes Testregime einführte, lernte man Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) kennen. „Völlig absurd“ sei das, schäumte sie. Kein Wunder: Es widersprach der Kurz’schen Erzählung, wonach die Gesundheitskrise erledigt ist.

In diesem Sinne gab es ein schlichtes Szenario: Bald sind so viele geimpft, dass Folgen einer weiteren Infektionswelle überschaubar sind. Wer sich nicht impfen lässt, hat demnach Pech gehabt, muss selber wissen, worauf er sich einlässt.

Bis zu einem gewissen Punkt ist das nachvollziehbar, auch wenn man den Ansatz kritisch sehen mag: Alle werden sich nie schützen lassen, entscheidend ist jedoch, dass es eine kritische Masse tut; dann sind die Risiken im Rahmen einer gesamthaften Betrachtung, die auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale „Kollateralschäden“ von Beschränkungen inkludiert, überschaubar.

Die Rechnung geht jedoch nicht auf. Erstens: Die „Delta“-Variante zieht in wachsenden Teilen Europas immer schneller auf. Zweitens: Der „Impfturbo“ hat hierzulande stark nachgelassen. Bleibt man beim Tempo der vergangenen Wochen, haben bis Anfang September allenfalls nur gut zwei Drittel der Menschen in Österreich einen Erststich bekommen. Das sind zu wenige: Auch wenn kein Lockdown mehr nötig werden dürfte und es auch nicht mehr so viele Todesfälle geben sollte wie in der Vergangenheit, droht eine sehr hohe Anzahl schwerer Erkrankungen mit Langzeitfolgen („Long COVID“). Das wird sich nicht kaschieren lassen. Im Gegenteil.

Zum Desaster entwickelt sich schließlich der Corona-Cluster im Parlament: Türkise Versuche, den freiheitlichen Abgeordneten Christian Hafenecker und Leute, die an einem „Umtrunk“ teilgenommen und sich angesteckt haben, an den Pranger zu stellen, sind zum einen schäbig und werden sich zum anderen nicht verfangen. Selbstverständlich hätte Hafenecker immer schon vorsichtiger sein müssen und natürlich hätte er Kontaktpersonen und das Hohe Haus umgehend von seinem positiven Testergebnis informieren müssen. Das ist keine Frage. Bei alledem ist der Fall jedoch ein Signal dafür, dass wieder etwas kommt: Statt Hafenecker hätte es auch einen Herrn Müller oder eine Frau Mayer in einem ganz anderen Umfeld treffen können; ja, es ist sogar davon auszugehen, dass es das jetzt wieder jederzeit irgendwo zwischen Boden- und Neusiedlersee tut. Das sollten Türkise, die nun mit dem Finger auf Hackenecker zeigen, mitbedenken. Im Übrigen sollten sie nicht vergessen, dass etwa Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) ebenfalls zu seinem Umtrunk geladen hatte (zu einem Medienempfang für Montagabend, der dann kurzfristig abgesagt wurde). Trotz 3G-Regel war das nicht ohne Risiko.

Abgesehen davon hat die Landessanitätsdirektion Niederösterreich laut „Falter“ das Parament auch nicht informiert über das positive Testergebnis von Hafenecker. Das ist besorgniserregend: Nicht einmal bei dem geringen Infektionsgeschehen läuft es ganz offensichtlich so, wie es laufen sollte; nicht einmal unter diesen Umständen wird folglich auch das Contact Tracing so funktionieren, wie es funktionieren sollte, ja müsste. Das lässt einen uncoolen Spätsommer, geschweige denn Winter befürchten.

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