Durch die Hölle

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ANALYSE. Im Fall Weißmann kommt System- und Medienversagen zum Ausdruck, das über den ORF hinausgeht. Und das die Zurückhaltung der Regierung noch fragwürdiger erscheinen lässt.

Nach diesem Desaster werde sich jede Frau überlegen, ob sie diesen Schritt auch wagt, sagt jene, die Roland Weißmann vorwirft, sie sexuell belästigt zu haben. Was zu dessen Rücktritt als Generaldirektor des ORF geführt hat, von einer Untersuchungskommission im Sender aber nicht festgestellt und mittlerweile auch von ihm selbst medienöffentlich zurückgewiesen worden ist: Er hatte eigens Journalistinnen und Journalisten zu einem Hintergrundgespräch in ein Wiener Lokal gebeten. Mit durchschlagendem Erfolg: „Krone“ und „Kurier“ räumten ihm wenige Tage später noch einmal viel Platz ein und ließen ihn ausführlich zur Wort kommen.

Zwischenstand: Mutmaßliche Rollen sind durcheinandergekommen.

Die Frau sah sich jedenfalls gezwungen, in die Gegenoffensive zu gehen und einzelne Medienvertreterinnen und Medienvertreter wissen zu lassen, wie es aus ihrer Sicht war. Schlussfolgerung von „Presse“-Redakteur Oliver Pink in einem Kommentar unter dem Titel „ORF in der Schlammschlacht der Litigation PR“:

„Journalisten, die – wie der Autor dieser Zeilen – Einblick nehmen konnten in die (von der Betroffenen und deren Anwalt vorausgewählten) Protokolle von Telefongesprächen und Chats, werden tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass es sich dabei um eine Art der sexuellen Belästigung handelt. Oder in anderen Worten: um ein beharrliches Bedrängen aus sexuellen Motiven über einen längeren Zeitraum hinweg. Journalistisch ausgedrückt, nicht juristisch.“

Was soll man sagen: Hier geht es um ein System- und Medienversagen, das riesig ist. Es fängt damit an, dass es im ORF zwar eine Gleichbehandlungsstelle gibt, diese aber direkt dem Generaldirektor zu berichten habe – womit Interessenkonflikte vorprogrammiert seien, wie der „Standard“ feststellt.

Es ist dazu angetan, dass sich zu viele Opfer von vornherein nicht melden, wie es auch zu vieles andere ist, was durch die Sache bisher bekannt geworden ist. Weißmann nützt die Möglichkeiten, die er Kraft seiner Bedeutung hat, um sich Öffentlichkeit für seine Darstellungen zu verschaffen. Was sein gutes Recht ist. Zu hinterfragen ist jedoch die Rolle von Zeitungen wie „Krone“ und „Kurier“, die sich dafür hergeben, das dann auch noch durch große Interviews mit ihm zu bekräftigen.

Da ist es jedenfalls alles andere als selbstverständlich, dass das mutmaßliche Opfer ebenfalls an die Öffentlichkeit geht, wie man so sagt. Da muss man eher befürchten, dass sich 99 von 100, die zunächst in einer ähnlichen Position sind, zurückziehen und verzweifeln; und zwar aus Überzeugung, dass sie da durch eine Hölle durch müssten und es daher besser sei, sich geschlagen zu geben.

Das alles lässt auch die Zurückhaltung der Regierung noch fragwürdiger erscheinen als sie ohnehin schon ist: Nicht nur, dass sich ÖVP und SPÖ weigern, die Unzulänglichkeiten ihres Stiftungsratsvorsitzenden und dessen Stellvertreters zum Anlass zu nehmen, den ORF zu entpolitisieren. Sie bleiben darüber hinaus Konsequenzen schuldig, die jetzt erst recht notwendig wären, um die Position von Belästigungs- oder auch Missbrauchsopfern in Österreich zu stärken.

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