CoV: Wo ist der Plan?

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ANALYSE. Die Debatte über eine „1-G-Regel“ greift zu kurz, ist aber bezeichnend für den Umgang mit der Pandemie: Bürgerinnen und Bürger erfahren nicht, was kommen könnte.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) haben die Österreicherinnen und Österreicher am Wochenende auf die Einführung einer „1-G-Regel“ vorbereitet: Schon bald könnten demnach nur noch Personen mit einer Corona-Schutzimpfung Nachtklubs und Diskotheken besuchen dürfen. Das Motiv ist wohl, gerade Jüngere, die sich bisher am stärksten geziert haben, sich impfen zu lassen, zu bewegen, das jetzt endlich zu tun.

Ob das jedoch reichen wird, ist fraglich: Es gibt auch ein Infektionsgeschehen außerhalb von Lokalen. Befeuert wird es etwa durch Reisen. Andererseits: Um sagen zu können, was reicht, müsste man wissen, was das Ziel ist; und ein solches wäre wiederum Voraussetzung für eine gewisse Strategie.

Österreich tappt auch am Beginn der vierten Infektionswelle im Dunkeln. Es gehe darum, „eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden“, sagt Mückstein. Wo bleiben jedoch die Kennzahlen dafür? Die Schweiz, die auch nicht alles richtig gemacht hat, ist zumindest in dieser Hinsicht besser: Weitere Verschärfungen werden dort nicht nur abhängig gemacht von einer konkreten Inzidenz bestätigter Neuinfektionen, sondern etwa auch von einer bestimmten Anzahl neuer Spitals- sowie einer ebensolchen Anzahl Intensivpatienten.*

Im Übrigen haben die Eidgenossen eine „Mittelfristplanung für Herbst/Winter 2021/22“ vorgelegt, in der mit Szenerien gearbeitet wird.* Das schlimmste ist Szenario 3. Zitat: „Es treten eine oder mehrere neue Virusvarianten von SARS-CoV-2 auf, welche der mittels Impfung oder einer Vorerkrankung erworbenen Immunität ausweichen können, eine neue, grosse pandemische Welle auslösen und erneut ein starkes staatliches Eingreifen und eine Impfkampagne erforderlich machen. In diesem Szenario sind weitergehende Massnahmen nicht auszuschliessen, wobei diese auch genesene und geimpfte Personen ohne Auffrischimpfung betreffen würden.“

Vielleicht haben die Schweizer solche Strategien entwickelt, weil sie in der Pandemie sowohl gesundheitliche Folgen als auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale eher zusammen im Auge haben und daher allen größtmögliche Planungssicherheit geben wollen. Schon vor einem Jahr haben sie in diesem Sinne etwa festgelegt, dass Schulen zum Letzten gehören sollen, was im Falle des Falles geschlossen wird.

Jedenfalls aber steht sich in der Schweiz Politik weniger selbst im Weg: In Österreich beispielsweise hat der Kanzler die Pandemie vor dem Sommer für Geimpfte für beendet erklärt. Also kann es schwer ein „Szenario 3“ geben, wonach es unter Umständen auch für diese Gruppe wieder zu Beschränkungen kommen könnte. Bezeichnend ist auch, dass die „Ampelkommission“, die eine Evidenz liefern würde, von der Politik links liegen gelassen wird.

Hierzulande ist die Zahl der Spitalspatienten seit Ende Juni von 99 auf 373 gestiegen (Stand: 23. August). Sie hat sich damit de facto vervierfacht. Bei den Intensivpatienten ist es seit Anfang August zu einer Verdreifachung auf 77 gekommen. Was diese Entwicklung aber zur Folge hat, ist – von der „1-G-Regel“ abgesehen – nicht zu sagen.

* Eidgenössische Strategiepläne zur Bekämpfung der Pandemie sind hier auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit angeführt und verlinkt.

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