In der Tourismusfalle

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ANALYSE. Bisher haben Gäste 42,5 Milliarden Euro gebracht. Das ist mehr als ein Zehntel der österreichischen Wirtschaftsleistung.

Eine virtuelle Rundreise durch österreichische Wintersportorte zeigt: Meist gibt’s auf der Website eine Erklärung zum Coronavirus und dem erzwungenen Betriebsschluss Mitte März. Im Übrigen ist alles eingefroren. Im Falle von Lech am Arlberg sind beispielsweise noch immer verschneite Berge zu sehen. Ischgl hat im Unterschied dazu ausnahmsweise sehr schnell reagiert – und lädt auch schon bildhaft zur Sommerfrische: Ein Paar in kurzen Hosen blickt einem fast schon kitschig-schönen Sonnenuntergang entgegen.

Business as usual? Das soll im Paznauntal wohl gelebt werden. Wohlwissend (hoffentlich), dass das, was war, noch lange nicht erledigt ist. Und dass kein Mensch sagen kann, wann wieder einen Sommer wie früher möglich sein wird. Klar ist nur: 2020 sicher nicht.

Ehe man den Ischglern auch nur irgendeinen Schaden gönnt, sollte man jedoch dies bedenken: Nicht nur dieser Ort ist ganz schön abhängig vom Tourismus; ja, es ist auch nicht nur Tirol, es handelt sich vielmehr um ganz Österreich.

Die staatliche Standortagentur ABA bewirbt Österreich noch stolz als „Europameister in Sachen Tourismus“.  Einige Zahlen aus dem Jahr 2016 sollen dies untermauern. Die Wirtschaftskammer hat aktuellere: 2018 habe die direkte und indirekte Wertschöpfung der Tourismus- und Freizeitwirtschaft 59,2 Milliarden Euro ausgemacht. Urlaubsgäste, Geschäftsreisende und Tagesbesucher hätten 42,5 Milliarden Euro liegen lassen. Das ist mehr als ein Zehntel der gesamten Wirtschaftsleistung. Im Übrigen sind da noch die vielen Jobs: Laut WKO bzw. Sozialversicherung waren 502.449 Frauen und Männer an zumindest einem Tag im Beherbergungs- und Gaststättenwesen beschäftigt.

Vor diesem Hintergrund ist dieser Europameister-Titel für Österreich fast schon verhängnisvoll: Die Tourismusbranche ist gerade auf „null“ zurückgefahren worden. Ein größerer Teil der 170.000 neuen Arbeitslosen kommt von dort. Wieder auf 100 bringen kann es die Branche nicht so schnell. Im Gegenteil: Die eine oder andere Region hat ein bleibendes Imageproblem, es wird noch länger Reisebeschränkungen geben und nicht wenige Menschen werden sich einen Urlaub in der Alpenrepublik schlicht nicht mehr leisten können. Damit ist ein beträchtlicher Wirtschaftsflügel Österreichs für einige Zeit erlahmt.

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