Umfragen: Sind Medien unverbesserlich?

ZAHLEN ZUM TAG. Auch 2006 hatte man zwei Wochen vor der Nationalratswahl geglaubt, das Rennen sei gelaufen. 

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ZAHLEN ZUM TAG. Auch 2006 hatte man zwei Wochen vor der Nationalratswahl geglaubt, das Rennen sei gelaufen.

Wer heute, zwei Wochen vor der Nationalratswahl, behauptet, die Entscheidung sei gefallen, ist ziemlich leichtfertig. Vor allem aber hat er aus der Vergangenheit nichts gelernt: Weder von den Bundespräsidenten-Wahlen im vergangenen Jahr noch von der Wiener Gemeinderatswahl im Jahr davor. Immer wieder hatte es große Überraschungen gegeben. Vor der ersten Stichwahl um das höchste Amt im Staat im Mai 2006 hatte es dieSubstanz.at sogar in die Puls 4-Nachrichten geschafft – und zwar allein mit der Analyse, dass die Sache möglicherweise gar nicht so klar für Norbert Hofer ausgehen werde; eine Chance für Alexander Van der Bellen erkenne man schon allein, wenn man versuche, nachzuvollziehen, wen die Wähler der zuvor ausgeschiedenen Kandidaten diesmal unterstützen könnten.

Wie auch immer: Auch zwei Wochen vor der Nationalratswahl 2006 war die Sache angeblich gelaufen. Siehe Umfragewerte von damals: 38 oder 39 Prozent für die ÖVP, 34 oder 35 Prozent für die SPÖ. Die Bawag-Affäre schlage „nun voll auf die Umfragedaten durch“, schrieb News damals auf Basis einer market-Erhebung in einer Aussendung: „Die ÖVP klettert um zwei Prozentpunkte auf nunmehr 39 Punkte und liegt damit deutlich vor der SPÖ, die gleichzeitig zwei Prozentpunkte verlor und nun auf 34 Prozent kommt.“ Gallup stellte in einer Umfrage für „Österreich“ zwar fest, dass sich der Abstand zwischen den beiden Parteien verkleinert habe. Das Institut warne jedoch die Genossen „vor einem Aufatmen“, so die Zeitung damals in einer Meldung: „Bis zu 25 Prozent der Wähler dürften noch unentschlossen sein – und gerade diese Gruppe ist anfällig gegenüber Affären à la Bawag.“

Das Walergebnis am 1. Oktober: SPÖ 35, ÖVP 34 Prozent. Freiheitliche und Grüne kamen auf jeweils elf Prozent. Zumindest das entsprach den Erwartungen ziemlich gut.

Was – zum Beispiel – diesmal zur Vorsicht gemahnen sollte:

  • Allein schon die sehr guten Werte für Sebastian Kurz weisen darauf hin, dass es einen extrem hohen Anteil wechselbereiter Wähler gibt. Das macht Umfragen im besten Fall zu bloßen Momentaufnahmen.
  • Genauso wie der Umstand, dass der Anteil der Wähler, die sich erst kurz vor dem Urnengang wirklich definitiv entscheiden, steigt und steigt.
  • Unmittelbar vor der Wahl wird’s auch mit der Entscheidungsfindung für viele wirklich ernst. Und da werden die Kandidaten dann in einem ganz anderen Licht beurteilt.
  • Der SPÖ-Wahlkampf ist zwar weiterhin durchwachsen, um es vorsichtig auszudrücken. Eigenartigerweise macht sich das aber nicht in den Umfragewerten bemerkbar, die z.B. „Heute“ gerade veröffentlicht hat. Im Gegenteil. Die Partei legt zu.
  • Die FPÖ ist und bleibt eine große Unbekannte.
  • Und schließlich könnte jeder, der behauptet, Kurz sei schon Kanzler, allein mit dieser Feststellung dazu beitragen, dass er es nicht wird: Wenn jemand von Wählermobilisierung abhängig ist, dann ist es er; jedenfalls mehr als alle anderen. Und Leute, die meinen, es komme auf ihre Stimmen eh nicht mehr an, bleiben nun einmal eher zu Hause. Das ist ein Problem. Doch vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass der Kandidat versucht, dieses Problem durch zunehmende Schärfe in der Ausländerpolitik wettzumachen. Was weiß man.

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