Jetzt geht’s um die Mobilisierung

ANALYSE. Die Bundespräsidenten-Stichwahl ist ziemlich offen; das ist eher für Alexander Van der Bellen gut. 

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ANALYSE. Auch diese Bundespräsidenten-Stichwahl ist ziemlich offen. Im Mai hat eher Alexander Van der Bellen davon profitiert.

Die Wettquoten, die bet-at-home drei Tage vor der Bundespräsidenten-Stichwahl anbietet, überraschen: Wer auf Norbert Hofer setzt, bekommt im Falle seines Sieges nur das Eineinhalbfache ausbezahlt; bei Alexander Van der Bellen ist es das 2,4-Fache. Soll heißen: Hofer gilt als klarer Favorit.

Nun sind Umfragen zwar bekanntermaßen mit Vorsicht zu genießen; sie können diese Quoten jedoch nicht begründen: „Gallup“ (für „Österreich“) hatte zuletzt zwar Hofer vorne (mit 52 Prozent), „Unique Research“ (für „ATV“ und „Heute“) aber bei einem etwas größeren Sample Van der Bellen (51 Prozent). So gesehen ist Hofer wenn, dann nur leichter Favorit. Doch was sind Umfragen schon wert? Was ihre „Nebenwirkung“ betrifft, sehr viel.

Vor der Stichwahl im Mai hatten die meisten Meinungsforscher einen Vorsprung für Hofer ausgewiesen. Gewonnen hat jedoch Van der Bellen. Was nachvollziehbar wird, wenn man sich die Wahlmotive anschaut: Fast jeder zweite seiner Wähler hat dem ehemaligen Grünen-Chef die Stimme in erster Linie gegeben, um den Freiheitlichen an der Staatsspitze zu verhindern, so eine SORA-Analyse. Zwei Dinge haben ihm dabei wohl geholfen: Erstens die angenommene Möglichkeit, dass sich Hofer durchsetzen könnte; zweitens die ebenso stark angenommene Möglichkeit, dass man das vereiteln könnte.

Anders ausgedrückt: Wäre in den Umfragen Van der Bellen weit vorne gelegen, hätte der Eindruck entstehen können, dass man ihn nicht unbedingt wählen muss. Wäre Hofer weit vorne gelegen, hätte das Gefühl aufkommen können, dass es keinen Sinn mehr hat, Van der Bellen zu wählen. So wie’s war, war’s also gerade richtig für ihn – ihm hat es die entscheidende Mobilisierung gebracht.

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Umso bemerkenswert ist, wie sich die Ausgangslage ähnelt. Zumindest in den Umfragen. Ansonsten hat sich einiges geändert. Hofers Beinahewahlsieg im Mai wurde durch zwei Umstände begünstigt: Eine miserable Grundstimmung in der Bevölkerung, die in einem direkten Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise stand; und ein extremer Unmut über die Bundesregierung. Die Grundstimmung hat sich gebessert. Die Regierung steht zwar nach wie vor nicht gut da, aber auch nicht mehr ganz so schlecht wie vor dem Abschied von Ex-Kanzler Werner Faymann bzw. knapp vor der ersten Stichwahl. In Summe erreichen die wichtigsten Kabinettsmitglieder (Kanzler, Vize, Finanzminister, Außenminister) heute deutlich bessere Vertrauenswerte, wie ein Vergleich der entsprechenden APA/OGM-Erhebungen zeigt. Faymann lag etwa bei minus einem Punkt, sein Nachfolger Christian Kern hält derzeit plus 19 Punkte.

Norbert Hofer hat darauf reagiert: Seine Kampfansagen an die Regierung hat er abgemildert. Was ihm nicht zuletzt auch die Unterstellung Van der Bellens eintrug, er habe Kreide gegessen. Ob dieser andere Hofer besser ankommen wird, als der vom Frühjahr, ist jedoch naturgemäß offen. Seine Wandlung ist nicht ohne Risiko für ihn.

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