Wem dient der ORF?

-

ANALYSE. „Ein Hauch von Propaganda“ und penetrante Österreich-Werbung setzen unabhängigem Journalismus beim öffentlich-rechtlichen Sender zu. Zum Leidwesen der Gebührenzahler und aller anderen Zuseher und -hörer.

Natürlich, der ORF hat’s nicht einfach: Gerade in schwierigen Zeiten muss er immer auch ein bisschen Verlautbarungsorgan der Regierung sein (Stichwort „Daheimbleiben“); er hat daneben aber viel mehr noch journalistische Kriterien zu beachten, die dieser Funktion widersprechen können; und er verfügt im Übrigen über einen Generaldirektor, der für eine allfällige Verlängerung seiner Amtszeit halt immer auch das Wohlwollen einer politischen Mehrheit im Auge haben muss.

Das kann schwer gut gehen. Viele Redakteurinnen und Redakteure bemühen sich darum, trotzdem einen exzellenten Job zu machen. Bei Ö1 beispielsweise; oder beim „Report“, „Am Schauplatz“ und der „ZiB2“, ja natürlich in allen Redaktionen. Immer wieder überstrahlt werden ihre Leistungen aber von ganz anderen Darstellungen. In ihrem Österreich-Newsletter kam die „Süddeutsche Zeitung“ Anfang Mai zu einem vernichtenden Urteil. Zitat: „Die „Zeit im Bild 1“, die wichtigste Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen ORF, zum Beispiel ist zur Mutmacher-Sendung mutiert. Das war in den ersten Wochen (der Pandemie; Anm.) notwendig, das spendete Trost, nahm die Angst. Mittlerweile umweht die Durchhalteparolen und die oftmals unkommentierten Regierungsverkündungen aber ein Hauch von Propaganda.“

Zumindest ein „Hauch von Propaganda“ umweht den ORF auch in der penetranten „Machen Sie Urlaub in Österreich“-Erzählung mit dem Untertitel „Weil Sie vernünftigerweise nur in Österreich Urlaub machen können.“ Auch da gilt: Vor ein paar Wochen ist das vielleicht eine tröstliche Geschichte gewesen; damals nämlich, als man davon ausgehen musste, nicht einmal von Wien an den Neusiedlersee, geschweige denn ins Salzkammergut vereisen zu können.

Heute jedoch betreibt das Außenministerium mit seinen Reisewarnungen bzw. der Botschaft „Nur Österreich ist sicher, im Ausland ist es generell gefährlich“ eine Politik, die im Grunde genommen skandalös ist: Hier wird versucht, den Bürgerinnen und Bürgern jegliche Freiheitsgewissheit zu rauben und ihnen zu vermitteln, dass es trotz offener Grenzen heuer nur einen Heimaturlaub geben darf.

Womit wir wieder zum ORF und seinem Beitrag zurückkehren müssen: Österreich sei und bleibe „Feriendesti-Nation“ darf Ex-Skistar Marcel Hirscher im Fernsehen Werbung für „Urlaub in Rot-Weiß-Rot“ machen. Ö3 steht ganz im Zeichen von „Sommerurlaub in Österreich“-Gewinnspielen. Klar, „Produktplatzierung“. Wer aber soll das vom redaktionellen Teil unterscheiden können: „Die Ö3-Moderator/innen eröffnen eine Spielrunde immer kurz nach Punkt. Innerhalb dieser Sendestunde tauchen dann 4 kurze Urlaubserinnerungen auf – das kann JEDERZEIT passieren. Gut zuhören ist wichtig!!!“, heißt es in der Beschreibung.

Das ist schon allein von daher unerträglich: Um seine journalistische Unabhängigkeit zu unterstreichen, müsste Ö3 unter diesen Umständen laufend berichten, dass es zum Beispiel jetzt auch an der oberen Adria sehr schön ist; und dass es dort zum Teil sogar weniger Neuinfektionen als in Wien oder Niederösterreich gibt. Doch tut er das? Nur so zur Info?

Wie gesagt: Der ORF hat’s grundsätzlich nicht einfach, allen Anforderungen gerecht zu werden. Wo gibt’s schon ein Corona-Krisenmanagement, das so intensiv von der Politik allein nach außen hin sichtbar geführt wird, dass es täglich zumindest eine Regierungspressekonferenz gibt, der sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Informationsauftrag kaum entziehen kann? Das muss man auch sehen.

Oder die Zwänge, denen ein Generaldirektor ausgesetzt ist, der im kommenden Jahr in seinem Amt bestätigt werden möchte. Ganz ehrlich: Wenn Alexander Wrabetz das will, muss er sich um türkise Unterstützung bemühen und „Message Control“ quasi vorauseilend erübrigen; beziehungsweise alles dafür unternehmen, was er kann. Ohne Unterstützung der ÖVP von Kanzler Sebastian Kurz wird selbst er kaum wiedergewählt werden, der schon so viele unterschiedliche Mehrheiten hinter sich hatte; zu dominierend ist die neue Volkspartei.

Vielleicht müsste man Wrabetz helfen. Aber da wird’s theoretisch; oder blauäugig. Zum einen würde das unter anderem journalistisches Selbstverständnis und -bewusstsein voraussetzen, beim ORF alle Rahmenbedingungen zu gewährleisten, damit die Gebührenzahler und alle anderen Zuseher und -hörer einfach nur bestmöglich darüber informiert werden, was Sache ist. Zum anderen müsste es eine politische Bereitschaft dafür geben, Dinge wie eine Amtszeitbeschränkung für einen Generaldirektor anzudenken: Wenn er nur zwei Perioden bleiben dürfte, müsste er sich zumindest in der zweiten nicht um das Wohlwollen der Regierung bemühen und könnte sich ganz auf seinen Job konzentrieren. Aber darauf wird sich die Regierung kaum einlassen.

dieSubstanz.at spricht Sie an? Unterstützen Sie dieSubstanz.at >

dieSubstanz.at – als Newsletter, regelmäßig, gratis

* erforderliche Angabe


Könnte Sie auch interessieren

2 Kommentare
  1. Klaus Madersbacher 5 Monaten ago

    Im Gegensatz zu vielen, die dem ORF eine Nähe zu „den Roten“ unterstellen, war der ORF seit jeher auf der schwarzen Seite beheimatet. Für die Schwarzen/Rechten ist ja alles, was nicht erzschwarz ist, schon „rot“, „linkslinks“ oder wie sich die Damen/Herren Mimoserln auszudrücken pflegen.
    Innenpolitisch schwarz/reaktionär, außenpolitisch transatlantisch der US-Propaganda verpflichtet, dient der ORF natürlich dem Großen Geld – wer das nicht glaubt, soll sich ein paar Journale des „Kultursenders“ anhören.
    Zwangsfinanziert durch eine Propagandasteuer kann nach Belieben und nach den Wünschen des Regimes geschaltet und gewaltet werden. Der dumme Bürger wird´s schon glauben – zumindest so lange, wie er glaubt, dass er es mit einem Qualitätsmedium zu tun hat.

    Reply
  2. Elmar Mayer 5 Monaten ago

    Das Ganze wird in den Landestudios noch verstärkt. Wrabetz erkennt nicht einmal, dass er ohnehin nicht mehr gewählt wird. Hier könnte er sich wenigstens einen „ehrenvollen“ Abgang sichern. Aber nicht einmal dafür reicht es. Schade für dem ORF und wenigen kritischen Journalisten.

    Reply

Kommentar schreiben

Your email address will not be published.