Kurz: Vom Gespür verlassen?

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ANALYSE. Der Kanzler und ÖVP-Chef verkennt möglicherweise zum ersten Mal die Sorgen und Nöte sehr vieler Menschen in Österreich.

Bundeskanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz hat ein paar herausragende Fähigkeiten: Er kann reden wie (derzeit) keine andere Politikerin, kein anderer Politiker. Er hat zudem ein ausgeprägtes Gespür für Stimmungen und kann diesen auch gerecht werden. Kritiker hören das gar nicht gerne und verweisen gleich darauf, dass solche Dinge noch keinen großen Staatsmann ergeben. Das ist schon richtig. Andererseits aber kann man ohne sie kaum ein großer Staatsmann werden (es gehört halt noch viel mehr dazu).

Bemerkenswert ist, dass Kurz zum ersten Mal dabei ist, Zweifel an seinem Gespür aufkommen zu lassen: Wie Vertreter anderer Parteien lässt er im Wien-Wahlkampf nicht weiter auf Corona und diverse Krisenfolgen eingehen. Die Türkisen versuchen es vielmehr mit „Integration“ bzw. dem, was sie darunter verstehen. Deutsch im Gemeindebau etwa. Das ist eine alte Geschichte, die oft gewirkt hat. Unter Umständen ist sie nun jedoch überholt.

Sebastian Kurz selbst hat mit seiner „Ausblick-Rede“ Ende August versucht, vor allem eine „gesundheitliche“ Perspektive zu eröffnen. Motto: Im Sommer 2021 könnte das Virus erledigt sein und alles wieder normal werden. „Es gibt Licht am Ende des Tunnels.“

In diesem Zusammenhang sind jedoch zwei Dinge aufgefallen: Die „Kronen Zeitung“ spielte nicht mit. „Blicken Sie nach der Kanzler-Rede optimistischer in die Zukunft?“, fragte sie ihre Leserinnen und Leser, um schließlich zu berichten: „Mehr als zwei Drittel sagen klar: Nein!“ Der „Mutmacher“ ist offensichtlich wenig überzeugend gewesen. Am Folgetag legte das auflagenstarke Blatt nach und schrieb von einem „Glaubwürdigkeitstief, das sich der Kanzler sparen hätte sollen“: Zuschriften zufolge gebe es nämlich wirklich große Zweifel, dass „seine Zukunftsprognosen“ halten werden.

Grundsätzlich würde das ja noch nicht gegen Sebastian Kurz sprechen; er hat sich zumindest bemüht, Hoffnung zu machen. Sein Problem ist jedoch, was hinter dem „Glaubwürdigkeitstief“ steckt: Wer in der Pandemie länger und stärker als nötig Angst macht und warnt, dass bald jeder jemanden kennen werde, der an COVID-19 verstorben ist, darf sich nicht wundern, dass nach dem, was glücklicherweise gekommen ist, das Misstrauen wächst. Zumal er erstens nicht genau sagen konnte, worauf sich seine Warnung gestützt hat. Und zumal er hinterher einfach vergisst und zur nächsten, quasi entgegengesetzten Prognose wechselt (wonach es 2021 wieder einen normalen Sommer geben werde).

Was die These bestärkt, dass es beim Gespür für Stimmungslagen plötzlich hapert: Ein guter Teil der Österreicherinnen und Österreicher ist gewissermaßen traumatisiert. Sie haben wochenlang zu Hause bleiben müssen und halten noch immer Abstand zu Mitmenschen. Das ist bitter, das steckt tief. Über eine Million ist nach wie vor arbeitslos, in „stiller Reserve“ oder Kurzarbeit. Im Moment sind zumindest die vielen, die im Frühjahr in diesen Status gerutscht sind, mit coronabedingten Einkommensverlusten konfrontiert. Sie, aber bei weitem nicht nur sie, sehen eine unsichere Zukunft: Gibt’s bald wieder einen Lock-Down? Ist ein – auch finanziell gesehen – gutes Leben in absehbarer Zeit wieder möglich? Sicherheit kann es nicht geben, und die kann natürlich auch kein Politiker organisieren. Hier geht es aber um sehr grundsätzliche Sorgen, die interessanterweise nachrangig wirken für Kurz und andere Politiker.

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