Vom Winter zu reden ist frivol

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ANALYSE. Österreich kann nicht erwarten, dass Deutsche kommen, um das Virus mit dem Auto abzuholen. Also: Volle Konzentration darauf, die Inzidenz auf unter 50 zu bringen.

Das waren noch Zeiten: Mitte Juni hat Österreich sämtliche Nachbarländer als Risikogebiete eingestuft. Italien war sogar mit einer partiellen Reisewarnung (für die Lombardei) versehen. Regierungspolitiker bemühten sich, an die Vernunft der Menschen zu appellieren und sie aufzufordern, Urlaub im eigenen Land zu machen. Sie erinnern sich. Der Zahl bestätigter Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche (Inzidenz) belief sich damals auf 2,8 in Deutschland und 2,9 in Italien. Man kann sich das kaum noch vorstellen. Wie auch immer: Nachdem es dann doch einige nach Kroatien gezogen hatte, erfuhr die Republik, dass das Virus nun mit dem Auto nach Österreich komme.

Vieles davon rächt sich heute. Oder nein, sagen wir es ganz anders: Gehen wir davon aus, dass österreichische Regierungspolitiker vor einem halben Jahr nach bestem Wissen und Gewissen agiert haben. Dann dürfen sie heute nicht einmal an eine Wintersaison mit offenen Liften, Hütten und Hotels denken: Österreich hält eine Inzidenz von 433. Tirol liegt gar bei 554. Wien steht mit 297 am besten da. Was heißt „am besten? Am wenigsten schlecht. In Deutschland gibt es kein Bundesland, das auch nur annähernd so miserabel dasteht. Berlin hält 198. Das ist das Maximum. Deutschland insgesamt kommt auf 142.

Schon von daher muss man leider Verständnis dafür aufbringen, dass etwa der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zum gegenwärtigen Zeitpunkt von einem Winterurlaub in der Alpenrepublik abrät: Wer will schon, dass seine Leute in eine Gegend reisen, bei der die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie das Infektionsgeschehen letztlich mit ihrem Fahrzeug zurückbringen?

Verständnis aufbringen kann man aber auch insofern: Österreich hat bisher keine Geste des Bedauerns für das Superspreader-Event „Ischgl“ gesetzt. Es hat nicht einmal vertrauensbildende Maßnahmen gesetzt: Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hat im Mai zwar 60.000 Tests pro Woche angekündigt und erklärt, dass man damit zum sicherten Land werden wolle; das war aber so wenig ernst gemeint, dass das (Test-)Ziel nicht einmal annähernd erreicht wurde.

So gesehen und eben vor allem auch aufgrund der momentan dramatisch hohen Infektionszahlen ist es folglich eher eine Provokation, wenn Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) von der Skisaison redet und Köstinger mit Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) von der EU schon Schadenersatz für geschlossene Skigebiete in den Weihnachtsferien verlangt.

Hier lässt eine sehr schöne und noch immer auch durchaus beliebte Urlaubsdestination jegliche Glaubwürdigkeit vermissen: Gerade auch im Sinne der Gastfreundschaft wäre es wohl naheliegend, sich jetzt voll darauf zu konzentrieren, das Infektionsgeschehen zu bekämpfen und etwa zu sagen, wir werden es schaffen, auf eine Inzidenz von deutlich unter 50 zu kommen und Sie dann zu einem ungetrübten Skivergnügen zu begrüßen. Servus in Österreich!

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1 Comment
  1. Günther J. Rozenits 5 Monaten ago

    Leider trifft dieser Artikel voll zu. Es ist ein Trauerspiel, mit welcher Unverfrorenheit die BürgerInnen in Österreich -beinhe täglich- zum Narren gehalten werden. Die endlose Selbstdarstellung der Traumtänzer passt ins Polittheater der Alpenrepublik.

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