#ORF Problemfall Wrabetz

MEINUNG. Unter dem Generaldirektor ist die journalistische Unabhängigkeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr so gewährleistet, wie man sich das erwarten können müsste. 

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MEINUNG. Unter dem Generaldirektor ist die journalistische Unabhängigkeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr so gewährleistet, wie man sich das erwarten können müsste.

Man stelle sich einen großen Konzern vor, dessen Geschäftsgrundlage Vertrauenswürdigkeit ist. Sagen wir, es handle sich um eine Bank: Sie wird nur dann erfolgreich sein können, wenn sich genügend Kunden darauf verlassen, dass das Geld bei ihr in bestmöglichen Händen ist. Man stelle sich außerdem vor, ein Vizedirektor dieses Instituts greife öffentlich die Arbeitsweise eines ganz wichtigen Mitarbeiters an. Und der Vorstandsvorsitzende schweigt zunächst. Ehe er wissen lässt, dass dieser Vize eh nur seine Meinung geäußert habe. Ja, das ist in der Tat ganz und gar unvorstellbar. Es wäre schon seltsam, wenn sich dieser Vizedirektor überhaupt eine solche Vorgangsweise anmaßen würde. Und wenn er es täte, dann wäre er auf der Stelle gefeuert. Das ist doch logisch.

Jetzt ist beim ORF natürlich alles ein bisschen anders. Es handelt sich um ein öffentlich-rechtliches Unternehmen, das damit auf schlecht Österreichisch nicht nur parteipolitischen Begehrlichkeiten, sondern immer auch ein Stück weit ebensolchem Einfluss ausgesetzt ist. Davon zeugt schon die Zusammensetzung des obersten Stiftungsrates. Umso wichtiger aber ist es, dass vor allem der Generaldirektor eine Firewall bildet und Grenzen zieht: Das Gut, für das er verantwortlich ist, ist die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung. Anders ausgedrückt: Herr und Frau Österreicher, die dafür zahlen müssen, haben einen Anspruch darauf, dass sich das, was ihnen da geboten wird, ausschließlich an journalistischen Kriterien orientiert.

Der ehemalige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) hat sich zuletzt öffentlich ärgern müssen. Ein lehrbuchhaft korrektes (und damit auch angemessen hartes) Interview war ihm unangenehm. Darüber beschweren darf er sich. Dass er es öffentlich getan hat, war sogar gut; so war die nötige Transparenz gewährleistet. Entscheidend ist, dass er damit nicht durchkommt; und zwar nicht einmal ansatzweise.

Diese Philosophie, die Voltaire zugeschrieben wird, ist grundsätzlich löblich. In diesem Fall aber ist sie brandgefährlich.

Die Pflicht von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz wäre es in diesem Sinne, keine Zweifel an seinen Redakteuren aufkommen zu lassen. Genau das aber hat er zu lange getan: Schon als der damals scheidende Salzburger Landeschef, sein (wahrscheinlicher) Kandidat für die künftige Channel- bzw. ORF 2-Führung, Roland Brunhofer, von Verhörmethoden bei Interviews im abendlichen Fernsehen sprach, schritt er nicht ein. Und dann durfte auch noch der stellvertretende Direktor für Technik, Online und neue Medien, Thomas Prantner, in den Raum stellen, dass Politiker in Studios bisweilen behandelt würden, als säßen sie auf einer Anklagebank.

Wrabetz reagierte weder unmittelbar noch unmissverständlich darauf. Also waren Mutmaßungen Tür und Tor geöffnet. Logischerweise wurde das auch als weitere Breitseite gegen Armin Wolf verstanden. Und wer wollte, der konnte sich in seiner Kritik an ihm bestätigt fühlen. Alle anderen jedoch mussten sich wundern: Solche Selbstbeschädigung ist also wirklich möglich.

Zu spät hat Wrabetz nun wissen lassen, dass Wolf „in seiner Funktion nicht infrage gestellt“ werde. Gleichzeitig hat er aber gleich auch einen gewissen Widerspruch dazu geliefert: Was Prantner gesagt habe, sei „seine Meinung“. Soll heißen: Ich teile sie zwar nicht, lasse aber zu, dass sie geäußert wird.

Diese Philosophie, die Voltaire zugeschrieben wird, ist grundsätzlich löblich. In diesem Fall aber ist sie brandgefährlich: Hier geht sie auf Kosten des Journalismus. Und da kann es für Wrabetz nur zwei Möglichkeiten geben: Er teilt die Kritik von Prantner und Brunhofer; oder er unterbindet sie. In beiden Fällen muss er Konsequenzen ziehen – und darf nicht weiter Herumlavieren.

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