Mangelndes Verständnis

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ANALYSE. Die Schweiz ist bisher ohne Schließung aller Schulen und Stilllegung des Tourismus durch die Pandemie gegangen. These: Der Bedeutung von beidem wird dort eher Rechnung getragen.

Vorweg: Irgendwann kann es so weit kommen, dass aus epidemiologischen Gründen ein (harter) Lockdown unausweichlich erscheint. Umso wichtiger ist es, alles zu tun, damit es nicht so weit kommen muss.

In der Schweiz, wo man in einer ersten Welle viel mehr Todesfälle zu beklagen hatte als in Österreich, hat man sich hinterher nicht eingeredet, es sei alles vorbei. Man hat stattdessen einen Strategieplan für den vergangenen Winter erstellt und darin einige Grundsätze festgelegt. Zum Beispiel: Gesundheit, Gesellschaft und Wirtschaft sollten immer gemeinsam betrachtet werden und so lange wie möglich unter einen Hut gebracht werden. Vor allem aber sollten Bildung und Tourismus aufrechterhalten werden. Ergebnis: Flächendeckende Schulschließungen blieben ebenso aus, wie eine komplette Stilllegung des Tourismus. Geschäfte und Gasthäuser mussten vorübergehend zumachen, Lifte und Hotels, die ihre Gäste auch verköstigen durften, waren jedoch immer verfügbar.

In Österreich wäre das schwer oder gar nicht möglich. Die Wichtigkeit von Bildung ist nicht unumstritten. Das hat sich auch bei der jüngsten Ankündigung des laufenden Lockdowns gezeigt: Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) erklärte, die Schulen würden offen bleiben, Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) schränkte wenig später ein, Eltern mögen ihre Kinder nach Möglichkeit zu Hause behalten. Das ist weder Fisch noch Fleisch, Chaos war am ersten Tag auch eine Folge davon.

Vielleicht wäre es aus gesundheitlicher Sicht vernünftiger gewesen, die Schulen ganz zu schließen. dieSubstanz.at kann das nicht beurteilen. Die Kollateralschäden wären jedoch enorm. Als der heutige Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) noch am IHS tätig war, erstellte er eine Studie, in der er mit einem Kollegen zusammen Abschätzungen dazu vornahm. Ein Ergebnis lautete: Schüler verlieren pro Monat ohne Präsenzunterricht im Durchschnitt (!) so viel Bildung, dass ihnen letztlich – ebenfalls im Durchschnitt – ein lebenslanger Einkommensverlust von 100 bis 200 Euro jährlich daraus erwächst.

Solche Dinge gehören in eine Gesamtbewertung einbezogen, auch wenn sie Entscheidungen nicht einfacher machen. Besonders schwierig, weil noch dazu emotional aufgeladen, ist das beim Tourismus. Laut Statistik Austria brachte er 2019 eine direkte und indirekte Wertschöpfung von 29,2 Milliarden Euro. Das entsprach 7,3 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Von tausenden Arbeitsplätzen in alpinen Regionen gar nicht zu reden. Wobei es um sehr viele Leute geht, die gemeinhin als „klein“ bezeichnet werden.

These: In Österreich hat der Tourismus in zu weiten Teilen der Bevölkerung ein katastrophales Image, das von Liftkaisern wie Franz Hörl geprägt wird, der aus Sicherheitsgründen gerade offene Skihütten gefordert hat. Folglich wird gewissermaßen erwartet, dass die Branche in besonderer Weise ebenfalls betroffen sein muss von Beschränkungen. Ausnahmen? Undenkbar. Umgekehrt hat kurzsichtige Politik nichts zum Verständnis für diese Branche beigetragen, als sie in Wien zu Beginn der Pandemie selbst Bundesgärten verriegeln ließ. Auf solche Schikanen haben die Eidgenossen verzichtet.

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