CoV: Ist Wien jetzt schlechter?

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ANALYSE. Die Bundeshauptstadt weist bei stark steigender Tendenz einen der höchsten Inzidenzwerte österreichweit auf.

Als Vorarlberg vor bald einem Jahr ein vergleichsweise günstiges Infektionsgeschehen verzeichnete und es Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) ermöglichte, dass Gasthäuser früher aufsperren durften als alle anderen in Österreich, wurde in zahlreichen Medien das Klischee vom „Musterländle“ strapaziert: Alemannen seien eben besonders diszipliniert (und würden einander daher weniger anstecken). Also dürften sie auch früher aus dem Lockdown kommen.

Behauptung: Das Infektionsgeschehen hatte nichts mit den Leuten zu tun. Wenige Monate zuvor, im Herbst 2020, und auch zuletzt, im vergangenen Herbst, war die Inzidenz bestätigter Infektionen höher als in den meisten anderen Bundesländern. Waren Vorarlbergerinnen und Vorarlberger in diesen Phasen extrem undiszipliniert? Wohl kaum.

Man muss vorsichtig sein, wenn man die Verantwortung von Menschen und den Polikterinnen und Politikern unter ihnen herausarbeiten möchte für ein Infektionsgeschehen. Es entwickelt sich in – von Region zu Region – zweitversetzten Wellen, in Form von Wänden oder Flächenbränden, die schwer beherrschbar sind, wenn sie einmal eine größere Dimension erreicht haben.

Und überhaupt: Wien und sein Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) galten in den vergangenen Monaten immer wieder als diejenigen, die gefühlt alles richtig machen. Perfekt organisierte PCR-Testmöglichkeiten und vergleichsweise niedrige Inzidenzwerte schienen das zu belegen. Und vor allem auch, dass Ludwig konsequenter als die übrigen Landeshauptleute handelte. Damit verschaffte er sich Respekt.

Umso größer muss die Ernüchterung heute sein: Mit 1737 wurde in Wien am 18. Jänner die höchste Anzahl bestätigter Infektionen pro 100.000 Einwohner und Woche nach Salzburg und Tirol verzeichnet. Tendenz stark steigend. Mit 10.058 neuen Fällen meldete das Gesundheitsministerium am 19. Jänner für die Bundeshauptstadt etwa doppelt so viele wie in den Tagen zuvor.

Andererseits: Was bedeutet das jetzt? Wie schlimm ist das? Was wäre ohne die vielen Tests, „2G+“-Regelungen etc.? Bemerkenswerter erscheint, dass Ludwig die neue „Strategie“, nämlich trotz horrender Zahlen keinen Lockdown mehr zu verhängen, genauso wenig eingehend erläutert wie etwa Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). So präsent Ludwig bisher war, so rar macht er sich im Moment.

Das ist riskant: Es geht um die Glaubwürdigkeit der Politik im Umgang mit der Corona-Pandemie bzw. vor allem auch der Impfung. Wie hier schon ausgeführt, entsteht Raum für den Glauben, dass das Virus nicht mehr so ernst zu nehmen sei und man sich daher auch nicht mehr unbedingt schützen müsse.

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1 Comment
  1. Andreas Höferl 4 Monaten ago

    Naja, es wiederholt sich halt 2020: auch da haben die Bundesländer weniger getestet als Wien, weshalb Wien höhere Infektionszahlen ausgewiesen hat (wofür in einem Ballungsraum ja grundsätzlich auch ein höheres Risiko besteht). Und dann kam das böse Erwachen in den Ländern, weil zu spät Maßnahmen gesetzt wurden.
    Aber selbst 800.000 bis 900.000 PRC-Rests täglich in Österreich heißt, dass sich viele der 9 Mio. EinwohnerInnen bzw. 8,5 Mio, wenn man Kleinkinder abzieht, wenig bis gar nicht testen. Es gibt also sicherlich auch eine erhebliche Dunkelziffer an Infektionen.
    Zum Glück ist Omikron weniger schwer pathogen. Aber es gibt null Garantie, dass die nächste Mutation ebenso ist.
    LG
    AH

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