CoV-Impfungen: Großes Versagen

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ANALYSE. So wenige Dosen wie seit Mitte August werden in kaum einem anderen Land verabreicht. Doch die Politik reagiert erst jetzt.

Die Bundesregierung hat neue Corona-Beschränkungen präsentiert. Vor allem Ungeimpfte sollen davon betroffen sein. Sie müssen laut Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) „geschützt“ werden. Das ist ein bemerkenswerter Spin: In Wirklichkeit geht es darum, Druck auf sie auszuüben, sich endlich schützen zu lassen.

Österreich hat diesbezüglich ein Riesenproblem: In Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und USA haben schon mehr Menschen gemessen an der Bevölkerung zumindest eine Impfung erhalten – und dort wird immer noch mehr geimpft als in Österreich. Das zeigt ein Blick auf die Website „Our World in Data“. Im Vergleich mit diesen Ländern hat Österreich keinen Turbo, ja überhaupt keinen Motor mehr; es ist Schlusslicht.

Zuletzt sind in der Alpenrepublik nur noch 0,13 Impfdosen pro 100 Einwohner verabreicht worden. In Deutschland, Großbritannien und den USA waren es gut 0,2, in Frankreich und Italien gar rund 0,4. Letzteres entspricht im Übrigen gerade auch dem weltweiten Level, wo es in großen Teilen freilich erheblichen Nachholbedarf gibt.

Dass Frankreich und Italien bei höherer Durchimpfungsrate als Österreich noch immer drei Mal mehr impfen, ist kein Zufall. Es mag mit der Bereitschaft der Bevölkerung und solchen Dingen zu tun haben. Vor allem aber waren die dortigen Köpfe der Politik über den Sommer nicht abgemeldet oder zögerlich. Emmanuel Macron hat mit einer Rede im Juli, in der er unter anderem auch eine Impfpflicht für Bedienstete im Gesundheitsbereich ankündigte, seine Landsleute mobilisiert. In Italien macht Mario Draghi Druck. Ungeimpfte sollen sich beispielsweise ständig testen lassen müssen; und zwar auf eigene Kosten.

In Österreich würde es mit Sebastian Kurz ebenfalls eine Persönlichkeit mit außerordentlichem kommunikativem Geschick geben. Das jedoch setzt er lieber für die Absage ein, Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen oder allenfalls den eingangs erwähnten Spin, Ungeimpfte schützen zu müssen. Ob das wirkt, wird sich weisen. Jedenfalls kann unterstellt werden, dass es darum geht, impfkritische Menschen, die besonders im FPÖ-Lager vertreten sind, im Hinblick auf die oberösterreichische Landtagswahl Ende September nicht zu verärgern. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein und die übrigen Grünen helfen dabei insofern, als sie diese Strategie nicht durchkreuzen.

Erklärungsversuche machen im besten Fall einiges nachvollziehbarer, die Sache aber in keinem Fall besser: Kurz hat die Impfkampagne im Frühjahr mehrfach zur Chefsache erklärt. Zuletzt hat er sich zurückgehalten, die Verantwortung aber niemandem übertragen. Also bleibt sie an ihm hängen.

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