Gegeneinander

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ANALYSE. In Flüchtlingen und Migranten ausschließlich Probleme zu sehen und Stimmung gegen Muslime zu machen, ist gesellschaftlich gefährlich und wirtschaftlich dumm.

AMS-Chef Johannes Kopf hat in den 2000er Jahren im Kabinett des damaligen Arbeits- und Wirtschaftsministers Martin Bartenstein (ÖVP) gearbeitet, er ist kein Linker. Das muss man heute schon dazu sagen, wenn sich einer äußert wie er und Flüchtlinge und Migranten nicht ausschließlich als Problem darstellt, wie es Integrationsministerin Claudia Plakolm (ÖVP) etwa tut.

Kopf weist immer wieder darauf hin, dass bei der Arbeitsmarktintegration Geflüchteter noch viel zu tun, aber schon viel erreicht worden ist. Zahlen, die dieSubstanz.at jüngst hier veröffentlicht hat, verdeutlichen dies: Allein im Jahresvergleich ist die Zahl erwerbstätiger Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak um elf Prozent gestiegen. Trotz Wirtschaftskrise.

Kopf regt außerdem an, diese Leute, die schon einmal da sind und bleiben dürfen, als Chance zu begreifen. Voraussetzung dafür sind allerdings zwei Dinge: Man muss dazu bereit sein und den demographischen Wandel, also die Alterung, sehen wollen, mit dem ein zunehmend starker Rückgang der Bevölkerung unter 65 einhergeht. Anders formuliert: Man muss politischen Populismus, dem es ausschließlich um Stimmungsmache geht, bleiben lassen und sich der Lösung von Problemen widmen wollen.

Das WIFO hat gerade eine Studie publiziert, die sich der „Abschätzung des altersbedingten Abgangs von Fachkräften auf regionaler Ebene“ widmet. Gegenüber dem Basisjahr 2023 wird es demnach österreichweit allein bis 2029 um 3,7 Prozent weniger Fachkräfte geben. Besonders groß wird der Rückgang in Kärnten (6,7), dem Burgenland (6,5), Niederösterreich (4,7) und der Steiermark (4,7) sein.

These: Duch eine zuwanderungs- und integrationsfeindliche Politik wird sich das eher verschärfen. Nicht, dass Rückgange durch Zuwanderung und erfolgreiche Integration verhindert werden könnten, es wäre jedoch möglich, sie zu reduzieren. Es wäre ein Potenzial, um gegenzusteuern.

Potenzial würde eben auch schon in dem Teil der Bevölkerung liegen, der schon einmal da ist. Was nicht zuletzt aber auch einen gewissen Umgang mit ihm voraussetzen würde. Dabei kann man zum Beispiel feststellen, dass man es ablehnt, Kindern ein Kopftuch aufzuzwingen, weil es ihrer Selbstbestimmung entgegenstehe. Was man nicht tun darf, ist jedoch, „Fragen“ in den Raum zu stellen, wie es die ÖVP jüngst eben getan hat: „Wusstest Du, dass zwei Drittel das Zusammenleben mit Muslimen als schwierig empfinden?“

Die „Frage“ geht so nämlich in Richtung der Feststellung, dass Muslime grundsätzlich schwierig und daher abzulehnen seien. Was Wahnsinn ist: Es macht aus vielen eine Gruppe – und Stimmung gegen diese. Es ist gegen die vielen einer Gruppe gerichtet, die einer staatlich anerkannten Religion angehören und von denen nicht wenige österreichische Staatsangehörige sind.

Und es ist umso gefährlicher, als es gesellschaftlich gegen Muslime in Österreich ohnehin schon massive Vorbehalte gibt. Hier also gewissermaßen Öl in ein Feuer gegossen wird.

Wieder einmal gehören dazu Eurobarometer-Befragungsergebnisse erwähnt (vergleichbares Datenmaterial gibt es auf nationaler Ebene nicht): Bei einer Erhebung zum Thema „Diskriminierung“ ist vor zwei Jahren unter anderem die Frage gestellt worden, wie es einem gehen würde, wenn der eigene Sohn oder die eigene Tochter eine bestimmte Person als Partnerin oder Partner hätte. In Österreich ist herausgekommen, dass es den relativ meisten (42 Prozent) unangenehm wäre, wenn es sich um eine Transgender-Person handeln würde, gefolgt von 38 Prozent im Falle eines Muslims, einer Muslima. Zum Vergleich: Mit einem Buddhisten oder einer Buddhistin beispielsweise hätten nur 20 Prozent ein Problem.

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