Armut und Armut

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ANALYSE. Relative Armut ist im vergangenen Jahr gestiegen, absolute gesunken. Wie das möglich ist und was man nicht mehr sagen kann.

Wer ist arm? Es ist wichtig, klarzustellen, wovon die Rede ist: In der öffentlichen Debatte geht es meist um Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung. Damit gemeint ist vor allem relative Armut bzw. Armutsgefährdung. Davon betroffen sind Haushalte, in denen das verfügbare Einkommen (gewichtet nach Anzahl der Mitglieder) weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens beträgt; also des Einkommens, das in der einen Hälfte der Haushalte höher und in der anderen Hälfte niedriger ist. Bei Alleinstehenden lag die Schwelle im vergangenen Jahr bei 1827 Euro pro Monat.

Problem: Das klingt nach viel und kann bei einer Person, die nicht viel braucht, auch genug sein. Nicht wenigen erscheint es daher verwegen, hier von Armut zu reden. Es geht in Wirklichkeit aber eben um Gefährdung oder – besser – um Ungleichheit oder auch Chancengleichheit.

Der Median gilt als Anhaltspunkt dafür, was in einer Gesellschaft Standard ist. Wer weit darunter liegt, muss (bei weitem nicht) hungern, wird sich aber eher schwertun, eine leistbare Wohnung zu finden und im Alltag mit anderen zusammen regelmäßig etwas zu unternehmen, was Geld kostet; Essen gehen Beispiel.

Die Armutsgefährdung hat im vergangenen Jahr zugenommen in Österreich. Das ist jedenfalls Daten zu entnehmen, die Statistik Austria im Rahmen einer EU-SILC-Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen ermittelt hat. Betroffen waren 15,9 Prozent der Bevölkerung und damit auch um rund ein Prozentpunkt mehr als in früheren Jahren.

Bei absoluter Armut ist es dagegen zu einem Rückgang von 3,7 auf 2,9 Prozent gekommen. Was zu einem Einschub zwingt: Es handelt sich um Werte, die auf Befragungen basieren. Es wäre daher angemessener, von rund drei Prozent zu sprechen, als von 2,9 Prozent. Aber sei’s drum: Wie kann relative Armut zunehmen, aber absolute sinken?

Die Antwort ist einfach: Absolute Armut misst erhebliche materielle und soziale Benachteiligung anhand von Kriterien wie jenem, dass es unmöglich ist, rechtzeitig die Miete oder Kreditraten zu bezahlen. Insgesamt müssen mindestens sieben von 13 sehr unterschiedlichen Kriterien erfüllt sein. In Summe wird klar: Wer davon betroffen ist, hat nicht nur ein Problem, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, sondern vor allem auch, finanziell überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen.

Statistik Austria erhebt bei den Befragungen auch verfügbare Haushaltseinkommen. Dabei ist es gegenüber dem letzten Vorkrisenjahr 2019 offenbar in allen Schichten zu einem Plus von mehr als 30 Prozent gekommen ist. Das ist relevant, weil die Inflation in diesem Zeitraum genau 30 Prozent betragen hat.

Allerdings: Laut IHS-Preismonitor war die Teuerung für das unterste Zehntel der Haushalte zumindest im vergangenen Jahr höher als für den Durchschnitt, geschweige denn das oberste Zehntel. Zweitens: Wie sich die Lage für Teile des untersten Zehntels entwickelt hat, ist nicht zu sagen. Es könnte zum Beispiel sein, dass es zwar weniger absolut Arme gibt, es denen, die es sind, aber noch schlechter geht als vor ein paar Jahren.

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