Weiß Griss, was sie tut?

ANALYSE. Der Erfolg, den die ehemalige Richterin bei der Präsidentschaftswahl erzielt hat, wird sich 2018 kaum wiederholen lassen.

Die Präsidentschaftskandidatin Irmgard Griss überlege, eine „Plattform“ zu gründen und damit die Nationalratswahl 2018 anzupeilen, berichtet die Tageszeitung „Der Standard“ unter Berufung auf das Umfeld der ehemaligen Richterin. Ob sie weiß, worauf sie sich damit einlassen würde, ist fraglich. Ein Erfolg ist jedenfalls nicht vorprogrammiert; im Gegenteil.

Dass die 69-Jährige im ersten Durchgang der Bundespräsidenten-Wahl 810.641 Stimmen erzielen konnte, hat viele Gründe. Zunächst einmal lag es an den Mitbewerbern: SPÖ und ÖVP mühten sich mit sich selber ab. Insgesamt 330.000 ihrer Wähler von der Nationalratswahl 2013 zog es daher zu Griss. Die NEOS wiederum hatten keinen eigenen Kandidaten, sondern unterstützten sie. 112.000 ihrer Wähler folgten ihnen folglich laut SORA/ORF-Analyse Ende April. Und natürlich lag es auch an der ehemaligen Präsidentin des Obersten Gerichtshofes selbst: Sie galt als Kampfansage an ungeliebte Parteien. Und zumal es um das Staatsoberhaupt ging, das auch Gegengewicht zu diesen sein sollte, potenzierte sich all das zu ihren Gunsten.

Vieles davon wird 2018, geschweige denn bei Nationalratswahlen, nicht mehr gelten. Bewährt sich Christian Kern als Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender und kürt die ÖVP zudem noch ihren Hoffnungsträger Sebastian Kurz zum Spitzenkandidaten, schaut die Welt schon anders aus; viele Anhänger der ehemaligen Großparteien haben dann jedenfalls weniger Gründe, fremdzugehen. Außerdem werden die NEOS nicht mehr Förderer, sondern Mittbewerber von Griss sein; an die 112.000 Wähler der Partei wird sie folglich kaum noch herankommen können.

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Was wiederum überrascht, ist, dass sie bereits jetzt Überlegungen anzustellen scheint, eine Partei oder Plattform ins Leben zu rufen: Die Dynamik, die sie damit wohl auslösen würde, über mehr als zwei Jahre bis zu einer Nationalratswahl aufrechtzuerhalten, ist an sich schon schwierig, ganz besonderes aber ohne die parlamentarische Bühne, die Oppositionsbewegungen wie den NEOS oder den Grünen zur Verfügung steht.

Jedenfalls ist dazu viel mehr nötig als die Botschaft „Unabhängig. Für Österreich“, mit der Irmgard Griss im Präsidentschaftswahlkampf aufgetreten ist. Um längerfristig erfolgreich sein zu können, ist eine Geschichte erforderlich, die größere Bevölkerungsgruppen über Jahre hinweg fesselt. Und eine solche zu erzählen, ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen.

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