Strache: Von wegen „staatsmännischer“

ANALYSE. In Österreich genügen eine Brille und ein paar andere Veränderungen, um nicht mehr als Scharfmacher wahrgenommen zu werden.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sei „staatsmännischer“ geworden, heißt es immer wieder; zum Beispiel in den Expertenanalysen nach dem ORF-Duell mit ÖVP-Obmann Sebastian Kurz am vergangenen Dienstag. Dem muss man widersprechen. Was stimmt: Strache bemüht sich seit einigen Jahren, aus der Radikalopposition heraus in Regierungsverantwortung zu kommen. 2015 bot er sich als Bürgermeisterkandidat in Wien an, jetzt lässt er es zumindest zu, als Kanzlerkandidat dargestellt zu werden. Und man kann gewisse Akzente sehr wohl auch so interpretieren, dass er seriöser werden möchte: Ein schlüssiges Wirtschaftsprogramm beispielsweise, das weniger auf den „Kleinen Mann“ als auf den Standort insgesamt ausgerichtet ist. Oder kosmetische Veränderungen, wie die Brille, die der 48-Jährige zwischendurch einmal trug.

Wer behauptet, der Islam gehöre nicht zu Österreich, blendet fast ein Zehntel der Gesellschaft aus.

Über die Bedeutung dieser Sehhilfe sollte man sich jedoch nicht zu lange unterhalten. Es gibt viel wichtigeres: Nämlich den Umstand, dass Heinz-Christian Strache in Wirklichkeit Heinz-Christian Strache geblieben ist. Und damit sind jetzt nicht Kleinigkeiten gemeint wie jene, dass er im TV-Duell mit SPÖ-Chef Christian Kern peinlicherweise außerstande war, konkrete Zahlen zum freiheitlichen Steuerprogramm zu nennen. Es geht noch wesentlich weiter.

Wie staatsmännisch ist ein österreichischer Politiker, der im Jahr 2017 einem Mitbewerber (Kurz) vorwirft, behauptet zu haben, der Islam gehöre zum Land? Gar nicht. Da waren schon die Habsburger weiter. Und auch wenn pragmatische Überlegungen ausschlaggebend gewesen sein mögen, dann haben sie es 1912 (!) doch geschaffen: ein eigenes Islamgesetz. Wobei der erste Satz lautet: „Islamische Religionsgesellschaften in Österreich sind anerkannte Religionsgesellschaften ...“ Heute leben abgesehen davon rund 700.000 Muslime in der Alpenrepublik. Und wenn da jemand behauptet, der Islam gehöre nicht zu Österreich, dann blendet er sie aus; fast ein Zehntel der Gesellschaft wohlgemerkt.

„Das war ein Signal an jene treuen Gefolgsleute aus dem braunen Sumpf.“ (Charles Ritterband in den VN)

Beispiel 2: Die Videoclips zu den „Hubers“, die Strache verbreiten lässt, sind angeblich harmlos. Ja, so mögen sie wirken. Umso zynischer sind sie aber: Wenn man Flüchtlinge, die gekommen sind, als unwillkommene Gäste in einem ganz normalen Einfamilienhaus darstellt, die es sich dort gemütlich machen und es bei alledem auch noch ein bisschen lustig haben, dann will man genau das über die Rampe bringen: Sie sind unerträglich. Da fehlt jeder Wille, Probleme zu lösen, geschweige denn zu differenzieren oder ein Mindestmaß an Respekt zu üben.

Beispiel 3: Im TV-Duell mit Sebastian Kurz hat Strache den Namen Muzikant falsch ausgesprochen. Zumal jede Wienerin und jeder Wiener weiß, wie man das tut („Musikant“), kann es kein Zufall gewesen sein, dass er „Mutzikant“ sagte. Das, so stellt der ehemalige NZZ-Korrespondent Charles Ritterband in einem Kommentar in den Vorarlberger Nachrichten ganz richtig fest, sei vielmehr „ein Signal an jene treuen Gefolgsleute aus dem braunen Sumpf“ bzw. eine „Chiffre unter Eingeweihten, ganz in der Tradition Jörg Haiders“.

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Artikel Schlagwörter : FPÖ, Strache
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