Kurz' Lagerbildung nützt auch Kern

ANALYSE. Die ÖVP könnte sich mit der neuen Strategie zwar von der FPÖ absetzen, nebenbei aber auch wieder der SPÖ auf die Beine helfen.

Hart aber herzlich war das TV-Duell von ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache am Dienstagabend auf ORF 2. Wobei der Jüngere der beiden nicht nur bekräftigte, dass die Kanzlerfrage zwischen ihnen entschieden werde. Er lud den Älteren quasi auch schon ein, Juniorpartner zu werden: „Wenn Sie einmal in Regierungsverantwortung sind ...“. Und hinterher, nach einer fast einstündigen Auseinandersetzung, die zum Teil so heftig war, dass man kein Wort verstand, twittere er auch noch: „Gute Diskussion mit .@HCStracheFP.“

Seltsam? Nein: In der entscheidenden Schlussphase des Wahlkampfes wetteifern Kurz und Strache nicht nur um bisherigen ÖVP- und FPÖ-Wähler, sondern auch die ehemaligen BZÖ- und Team-Stronach-Wähler. Das waren 2013 immerhin 434.425. Und zwar ebenfalls mitte-rechts orientierte. Summa summarum geht es da um ein Wählersegment, das für eine klare Mehrheit von rund 55 Prozent ausreicht. Sprich: Das ist nicht nur eine gute Grundlage für eine Koalition. Mit dem größeren Teil davon ist am ehesten auch Platz eins am 15. Oktober möglich.

Darauf konzentrieren sich Kurz und Strache denn auch mehr denn je: In ihrem TV-Duell am Dienstagabend hatten sie kaum eine Differenz im Inhalt; es ging ihnen mehr darum, herauszustreichen, wer denn die glaubwürdigere Ani-Migrationspolitik betreibt.

„Es sind schon Hausmeister gestorben.“ (Mariusz Jan Demner nach dem TV-Duell)

Das ist etwas, was die Mitte-Links-Parteien doch noch einmal ein bisschen zuversichtlich stimmen kann. Ob sie es verdient haben, steht auf einem anderen Blatt. Die Sache ist jedoch die, dass Kurz und Strache damit sehr klare Verhältnisse schaffen – und es den verbleibenden 45 Prozent der Wählerschaft erschweren, die Seiten zu wechseln; diese Leute werden wohl eher mitte-links bleiben.

Besonders SPÖ-Chef Christian Kern hatte nicht damit rechnen können. Er selbst hätte das jedenfalls nicht geschafft: Nachdem er Heinz-Christian Strache in den vergangenen Monaten die Hand gereicht hatte, war auch die Hürde für enttäuschte Sozialdemokraten verschwunden, die Freiheitlichen zu unterstützen. Jetzt versucht Kern zwar, das zu korrigieren, seine Glaubwürdigkeit ist jedoch begrenzt.

So gesehen muss er dankbar sein, dass Strache und Kurz diese Hürde jetzt wieder errichten: Damit ist wie gesagt ein Links-Rechts-Wechsel einer größeren Wählerschaft de facto ausgeschlossen. Und was das bedeuten kann, verdeutlicht der Versuch, mögliche Wählerströme stark vereinfacht abzuschätzen. Beispiel:

  • Die ÖVP holt je zwei Drittel der BZÖ- und Team-Stronach-Wähler des Jahres 2013, die FPÖ ein Drittel.
  • Die SPÖ behält ihre Wähler und holt noch ein Viertel der Grünen-Wähler 2013, die nun enttäuscht sind über „ihre“ Partei oder bei einem Lagerwahlkampf traditionell dazu tendieren, die Sozialdemokraten zu unterstützen.
  • Die Grünen behalten die Hälfte ihrer Wähler und geben neben dem einen Viertel an die SPÖ ein weiteres an die Liste Pilz ab.
  • Die NEOS mögen zwar den einen oder anderen Austausch mit der ÖVP haben (Abwanderung von Wählern des Jahres 2013, Zulauf von Liberal-Bürgerlichen), bleiben aber auf ihrem Niveau.
  • Ergebnis: Die ÖVP schafft Platz eins, knapp gefolgt von SPÖ und FPÖ. Grüne und NEOS halten sich im Nationalrat, die Liste Pilz muss zittern.

Das sollte jetzt nicht missvertanden werden: Es ist keine Prognose, sondern ein mögliches Szenario. Und abgesehen davon, dass sich ein solches an dieser Stelle bereits vor der ersten Bundespräsidenten-Stichwahl bewährt hat, zeigt es ausschließlich, welche Dynamik die jüngsten Entwicklungen auslösen könnten. Das ist der Punkt, um den es hier geht.

Alle Kandidaten müssen jedenfalls bis zuletzt kämpfen, keiner kann sich in Sicherheit wiegen. „Es sind schon Hausmeister gestorben“, so Mariusz Jan Demner am Dienstagabend nach dem TV-Duell auf ORF III.

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Artikel Schlagwörter : SPÖ, ÖVP, FPÖ, Grüne, NEOS, Kern, Kurz, Strache
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