Hohes Arbeitslosengeld, niedrige Arbeitslosigkeit: Liegt Schelling daneben?

ANALYSE. Im internationalen Vergleich gibt es Länder, die Menschen ohne Job auf Dauer noch mehr zahlen als Österreich – und trotzdem weniger Arbeitslose haben.

Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) meint, Arbeitslose bekommen in Österreich so viel, dass es sich für sie kaum noch lohnt, einen Job anzunehmen. Im internationalen Vergleich lässt sich das nicht belegen. Im Gegenteil, es gibt zahlreiche Länder, die auf Dauer noch mehr zahlen – und trotzdem weniger Arbeitslose haben.

„Es ist auch deshalb schwer, Arbeitskräfte zu finden, weil das Arbeitsloseneinkommen fast genauso hoch ist wie das Arbeitseinkommen. In Deutschland gibt es mit Hartz IV ein Modell, das offenbar besser funktioniert“, meinte Schelling im „Standard“-Sommergespräch. Einem Fakten-Check kann diese Darstellung nicht standhalten. Das zeigt ein Vergleich von Nettoersatzraten und Arbeitslosenquoten.

Wer Durchschnittsverdiener ist und in einem OECD-Land arbeitslos wird, kommt auf eine sogenannte Nettoersatzrate von 56 Prozent: Aufs Konto kommt monatlich als nur noch etwas mehr als die Hälfte. Österreich liegt mit 55 Prozent knapp darunter. Am wenigsten gibt es in Australien mit 30 Prozent, am meisten in Luxemburg mit gar 85 Prozent. Damit ist der Einkommensverlust dort sehr gering.

Überall gilt allerdings die Regel: Je länger man arbeitslos ist, desto weniger Geld gibt’s. Nach fünf Jahren beträgt die Nettoersatzrate bei einem Durchschnittsverdiener in einem OECD-Mitgliedsland nur noch 32 Prozent. Österreich liegt mit 51 Prozent weit darüber. Nur in Belgien, Irland, Dänemark und den Niederlanden gibt’s mit bis zu 61 Prozent noch mehr.

Zumal hierzulande längerfristig nur die Mindestsicherung in Höhe von maximal 827,83 Euro im Monat gewährt wird, kann sie wohl nur für einen Geringverdiener als Alternative zu einem Job verlockend sein. Doch bei langzeitarbeitslosen Geringverdienern ist die Nettoersatzrate in Österreich im OECD-Vergleich mit 51 Prozent nicht ungewöhnlich hoch. Es handelt sich eher um Mittelmaß. Deutschland, das von Schelling als Vorbild bezeichnet wird, kommt auf 48 Prozent. Weit vorne liegen Dänemark (79 Prozent) und die Niederlande (85 Prozent). Dort müsste es also verhältnismäßig attraktiv sein, auf Dauer von der „Stütze“ zu leben. Die Arbeitslosenquoten untermauern dies jedoch nicht.

Setzt man die Nettoersatzrate für geringverdienende Langzeitarbeitslose in Verbindung mit den Arbeitslosenquoten, ergibt sich vielmehr ein überraschender Trend, der da lautet: Hohes Arbeitslosengeld, niedrige Arbeitslosigkeit (siehe Grafik). Jedenfalls erhalten Norweger, Isländer, Japaner und Schweizer auf Dauer mehr Unterstützung als Österreicher – und trotzdem ist die Arbeitslosenquote in ihren Ländern niedriger.

Mögliche Erklärungen: Die Antwort auf die Frage, ob mehr oder weniger Menschen arbeiten, hängt noch immer vor allem von der Wirtschaftslage und den damit verbundenen Beschäftigungsmöglichkeiten ab. Sonst müsste in Griechenland, wo der Rechtsanspruch auf eine Sozialhilfe nach einem Jahr erlischt, Vollbeschäftigung herrschen. Und in den Niederlanden, wo die Nettoersatzrate bei Geringverdienern auch nach fünf Jahren noch immer 85 Prozent beträgt, größte Arbeitslosigkeit. Das ist jedoch nicht der Fall.

> Arbeitslosenquoten in wichtigen Industrieländern (WKO-Seite)

> OECD-Datenbank mit den Nettoersatzraten

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