Fragwürdig hoch 2: Mit welchen Umfragen Politik gemacht wird

ANALYSE. Einige Meinungsforscher und Medien sind nicht bereit, aus der Vergangenheit zu lernen. Im Gegenteil, sie liefern die absurdesten Daten.

Wer sich schon jetzt über den Wahlkampf ärgert, der sollte sich die Sache einmal genauer anschauen. Vielleicht kommt er dann zum Schluss, dass es nicht einmal so sehr Politiker sind, die sie schwer erträglich machen, sondern viel eher ein paar Medien und Meinungsforschungsinstitute. Erstere inszenieren jedenfalls mehr oder weniger nur ein Rennen, zu dem zweitere fragwürdige Daten liefern.

Aus der Vergangenheit gelernt worden ist jedenfalls wenig: Bei der Bundespräsidenten-Wahl war vor dem ersten Durchgang ständig von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer berichtet worden. Hofer sollte diese Runde bekanntlich mehr als haushoch gewinnen. Keine der Umfragen, die kurz davor veröffentlicht wurden, kam auch nur annähernd an dieses Ergebnis heran.

Gelernt hat vielleicht der Verband der Marktforschungsinstitute (VdMI) etwas, der heuer Qualitätsstandards definiert hat. Wenn sich irgendwann einmal jedoch kaum noch jemand darum schert, dann ist das wirkungslos. Das Institut „Resarchaffairs“ erhebt im Hinblick auf die Nationalratswahl für „Österreich“ regelmäßig die Stimmungslage. Jüngstes Ergebnis: Sogar in Wien liegt die ÖVP der Zeitung zufolge mit 28 Prozent schon vor der SPÖ (27 Prozent). Bemerkenswerte Folge: Die Austria Presseagentur (APA) übernahm diese Meldung und in weiterer Folge tat das auch so ziemlich jedes Onlinemedium.

Das Problem: Die Aussage kann stimmen oder auch nicht. Wenn sie zutrifft, handelt es sich jedoch eher um einen Glückstreffer. Das noch größere Problem: Die Aussage bringt natürlich einen neuen Spin in den Wahlkampf. Anders ausgedrückt: Mit Umfragen wird Politik gemacht.

Umso fragwürdiger ist die Vorgangsweise. Befragt wurden von „Reseachaffairs“ 600 Personen. Und zwar online. Weitere Details zu einer solchen Erhebung Ende Juni hat das Institut auf seiner Website ausgeführt. Der Wähleranteil betrug damals 65 Prozent. Für die „Sonntagsfrage“ waren demnach gezählte 390 Antworten brauchbar.

Jetzt hat das Institut jeweils entsprechend viele Personen nach Bundesland, Alter und Geschlecht ausgewählt. Ergebnisse für einzelne davon, wie etwa die Wiener auszuweisen, bleibt jedoch mutig, um es positiv zu formulieren. Grund: Ungefähr jeder fünfte Wahlberechtigte ist ein Wiener. Von insgesamt 390 wären das also nur ungefähr 80. Womit man sich ausrechnen kann, wie viele Wiener einen Prozentpunkt im Umfrageergebnis in etwa zugrunde liegen. Viele sind es nicht. Im Gegenteil. Es sind sehr, sehr wenige.

Von „Österreich“ ausgewiesen wurden bemerkenswerterweise auch die Ergebnisse nach Altersgruppen. Zum Beispiel die Über-50-Jährigen. Bei ihnen liegt die ÖVP noch weiter vorne. Was gut möglich ist. Durch die Umfrage untermauert werden kann das aber kaum: Nicht nur, dass sich das Ergebnis auch in ihrem Fall nur auf einen Teil der 600 stützt. Diese Altersgruppe ist online außerdem noch immer relativ schwer zu erreichen, weil nach wie vor ein größerer Teil selten oder überhaupt noch nie „im Internet“ war. Bei den Frauen über 65 war letzteres zum Beispiel mehr als die Hälfte. Soll heißen: Sie sind für keine Onlineumfrage verfügbar. 

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Artikel Schlagwörter : Parteien, Medien, Meinungsforschung
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